Dieser eine Ort


Es muss ihn geben, diesen Ort. In meinen Träumen taucht er immer wieder auf. Diese eine Stelle am rauschenden Meer mit seinen haushohen Wellen und schlohweißer Gischt. Die farbige Stadt mit ihren steilen Gassen. Es gibt eine Traumlandschaft, die mir nur im Tiefschlaf erscheint, die vertraut und heimelig ist, wo ich jede Ecke kenne, wo es warm ist und sehr rein. 
Die Luft, das Wasser, alles was mich dort umgibt ist rein, weich und wohlig. Mir sind dort schon Wale, Delfine, Schildkröten, Zebras, Tiger und Nashörner begegnet, sogar ein Krokodil, doch war es nie wirklich bedrohlich. Ich treffe dort Tote und noch lebende Menschen. Sie sind gegenwärtig, als gäbe es keine Zeit, kein Vor oder Danach. 
Es muss ihn geben, diesen Ort. Wie sonst könnte er immer wieder gleich in meinen Träumen erscheinen? Ist es der Ort, an den ich zurückkehren werde, wenn mein Körper dieses Leben hier verlässt? 
Die Farben in meinem Traumland sind um ein Vielfaches intensiver, leuchtender und von einer durchdringenden Kraft. Alles strahlt. Meine Erlebnisse dort sind abenteuerlich und voller Gefühl, mal tiefe Liebe, dann tiefe Trauer, manchmal Furcht und Schrecken, dennoch empfinde ich es anders als im Wachleben. Da alles eingebettet ist in die Zeitlosigkeit, sind meine Traumerfahrungen wie Mittel zur Erkenntnis. Ich bewege mich körperlos durch die Traumwelten und empfinde dennoch mit allen Sinnen. Ich rieche und schmecke, höre und sehe, taste und spüre körperliche Schmerzen, die jedoch im nächsten Moment wie weggezaubert sein können. Ich schwebe und tanze leichtfüßig, kann fliegen - aber nicht immer - und meine Stimme kann ganze Konzertsäle füllen. 
Meine Traumorte sind Sehnsuchtsorte. Es gibt sie schon sehr lange und es mag der Grund dafür sein, dass ich bereits als Kind gern früh schlafen ging und morgens Mühe habe, wieder in der Welt hier auf dieser Erde anzukommen. Manchmal glaube ich, die Welt im Traum sei echter. Mein blinder Freund kann in meiner Traumwelt sehen, obwohl er auch dort blind ist. Blindsein ist in der Traumwelt eine Fähigkeit. Es steht für ein besseres Sehen, für ein Sehen hinter die offensichtlichen Dinge. In meiner Traumwelt ist jeder ganz und heil, mit all seinen Ecken und Kanten. 
In dieser Welt weiß ich, dass alles und jedes Teil vom Ganzen ist. Und wenn ich erwache, ist mir das immernoch bewusst, aber ich kann es dennoch nicht für mein irdisches Leben umsetzen. Einzig in meiner Traumwelt sind die begrenzenden Gedanken zwar da, aber nicht als alleinige Möglichkeit, ich kann sie jederzeit sprengen. 
Im Traum weiß ich, dass ich fähig bin, mich zu wandeln.