Die neue Meinungsfreiheit

Ich lese derzeit viel, was mit Meinungsfreiheit zu tun haben soll. Vielleicht kann man mal darüber aufklären, was eine Meinung ist und was eine Ideologie ist und ob das eine etwas mit dem anderen zu tun hat? Ich dachte immer, eine Meinung bildet man sich. Dazu gehört Bildung. Meinungsbildung. Das bloße Nachplappern von Parolen zählt neuerdings zu Meinungsfreiheit, so scheint es mir. Des Weiteren fällt mir auf, dass auch Gewalt in der Sprache zur Meinungsfreiheit zählt. 
Wann zieht man die Grenze zwischen Ideologie und Meinung? Haben gesellschaftsgefährdende Ideologien etwas in der Politik zu suchen?
Eine Meinung lässt eine Gegenmeinung zu, es kann eine Diskussion entstehen oder gar ein für alle fruchtbares Gespräch. Eine Ideologie lässt nach meiner Erfahrung keine andere Ideologie zu. Weshalb sie weder eine Meinung noch Teil einer Demokratie sein kann. Es ist mir unverständlich, wieso plötzlich Beleidigungen oder gar eine Schlägerei unter dem Deckmäntelchen "Meinungsfreiheit" verteidigt werden.

Dein Wort in Gottes Ohr - vom Wünschen, Beten, Bitten, Danken und Erhört werden


Die Idee zu diesem Workshop kam mir bei einem Spaziergang durch das Oberschwäbische Ried. Vielleicht, weil die Naturgeräusche ein bisschen klangen wie Worte, die ins Ohr Gottes finden. Am 21.10. ist der Termin und wie immer freue ich mich auf meine TeilnehmerInnen aus nah und fern.
An dieser Stelle möchte ich außerdem auf mein Angebot aufmerksam machen, das für Menschen konzipiert ist, die mit bestimmten Anliegen und Themen lieber einzeln kommen möchten. Ich habe soeben erfahren, dass das Job-Center eines dieser Module für eine Frau genehmigt hat, die jetzt in die Selbständigkeit startet.
Informationen zu den Modulen für EinzelteilnehmerInnen finden sich hier:
http://lebkom.blogspot.ch/search…
Diese Einzeltermine können mit mir direkt vereinbart werden.
Workshop am 21.10.
Dein Wort in Gottes Ohr
vom Wünschen, Beten, Bitten, Danken und Erhört werden
Es gibt viele Situationen, in denen uns die Worte fehlen. Mitgefühl, Trauer, Wut, Hilflosigkeit aber auch überschäumende Freude, tiefe Liebe und Dankbarkeit machen uns manchmal sprachlos.
Wie finden wir zu wahrhaftigen Worten? Worte, die berühren, trösten, wärmen und verbinden und zum Ausdruck bringen, was uns bewegt? Wievieler Worte bedarf es, welchen Ton schlagen wir an, was ist angemessen und findet Gehör?
Echte Herzensverbundenheit ist frei von Kitsch und Rührseligkeit. In unserer Wahrhaftigkeit sind wir Gott am nächsten.
Mit spielerischer Leichtigkeit gehen wir im Workshop gemeinsam auf die Suche nach den wahren Worten, den reinen Tönen und dem lebendigen Austausch mit uns selbst und unserem Gegenüber.
Wer möchte, kann ein Gedicht, einen Liedtext, ein Gebet oder einen kurzen Text mitbringen, zu dem man eine besondere Verbindung hat. Bitte bringen Sie den Text dann extra ausgedruckt mit.
10-17 Uhr, Kosten: 70 €
Anmeldung bei EEB Ortenau: 0781 24018 eeb-ortenau.de

An´s Herz gelegt

Der vierte Band der autobiographisch gefärbten Roman-Reihe von Ulla Hahn ist erschienen. "Das verborgene Wort" war der erste Teil und bisher auch der beste, wie ich finde. Ulla Hahn beschreibt dort so facettenreich und lebendig, so anrührend und bewegend von ihrer Liebe zur Sprache, zum Wort. Und so bin ich sehr gespannt auf den vierten und letzten Teil.
Dieses Interview mit ihr möchte ich an´s Herz legen.
http://www.ardmediathek.de/radio/Im-Gespräch/Schriftstellerin-Ulla-Hahn-Jeder-Mens/Deutschlandfunk-Kultur/Audio-Podcast?bcastId=42747070&documentId=45741936

Tanzen und Führen - auf die Klarheit kommt es an


Durch einen neuen Kontakt über Facebook bin ich ins Überlegen gekommen. In den letzten Jahren hat das Tanzen bei mir in den Workshops eine zweitrangige Rolle gespielt. Das lag daran, dass ich viel öfter angefragt wurde zu Stimme und Sprache. Da ich jedoch der Meinung bin, dass sich Sprache aus Rhythmus, Bewegung und Klang zusammensetzt, gibt es bei mir keinen Workshop, in dem nicht auch Bewegung eine Rolle spielt.
Ich würde gern mal einen Workshop für Kursleiterinnen anbieten, der zeigt, wie man Bewegungs- und Tanzelemente anleitet, die "bewegungsschüchterne" Menschen aus der Reserve locken.
Auch die Frage, wie man eine Gruppe oder auch einen Einzelnen führt, indem man durch Körperausdruck und Stimme Vertrauen aufbaut, finde ich spannend.
In meiner Tanztherapeutischen Ausbildung habe ich gelernt, wie wichtig es ist, Gruppenarbeit in Rituale einzubetten, einen klaren Beginn und ein klares Ende zu setzen. All das spielt letztlich auch in allen unseren Begegnungen und in der Kommunikation mit Menschen eine Rolle. Ob ich einen Vortrag halte, als Lehrerin vor Schülern stehe, einen Artikel schreibe - immer geht es darum klare Zeichen zu setzen. Tanz ist nur dann ausdrucksstark, wenn es gelingt, Bewegungen mit dieser Klarheit auszuführen. Wer beim Tanzen nicht nur zappelt und sich freischüttelt (was durchaus auch erlaubt ist ), sondern sich mit Bewusstheit bewegt, wird zu enormer Präsenz gelangen.

Sind wir noch neugierig aufeinander?


Ich empfinde meinen Beruf oft als eine Art Feldforschung. Durch Beobachtungen versuche ich die Welt zu begreifen, zu hinterfragen, anzuzweifeln oder zu bestätigen. Auf diesem Weg fallen mir dann meine nächsten Kursthemen ein oder ich flechte das eine oder andere in einen Vortrag. 
Es ist mir aufgefallen, dass die Menschen, wenn sie in Gruppen aufeinander treffen, immer seltener Fragen stellen. Oder vielmehr nur eine Rhetorische, um dann gleich damit anzusetzen, die eigene Geschichte zu erzählen. So bekommt man oft  zu hören, was einen gar nicht interessiert. Das Zuhören fällt dann schwer. Das verschreckte Zusammenzucken, wenn ich meinem Gegenüber eine persönliche Frage stelle, zeigt, dass wir es gar nicht mehr gewohnt sind "gefragt" zu sein. Lieber lassen wir es zwischen Themen wie Kinder, Rezepte, Krankheiten und Wetter dahinplätschern, vielleicht wird noch das neue Auto erwähnt und das aktuellste "In-Lokal".
Als ich kürzlich eine mir sehr sympathische Frau fragte: "Mit was beschäftigst du dich?", sah sie mich etwas überrascht an. Sie überlegte kurz. Dann begann ein Gespräch über das Phänomen Zeit, wie unterschiedlich man Zeit empfindet. Seit sie nicht mehr arbeitet, gibt es so viele Dinge, die sie tun kann und nun auswählen lernen muss. Wir konnten uns über unsere Erfahrungen austauschen und lernten uns damit besser kennen. 

Je mehr wir unsere Mitmenschen wahrnehmen, ihnen in die Augen sehen, desto eher spüren wir, was wir sie fragen möchten, und auch, was wir sie fragen dürfen. Denn Fragen stellen muss nicht bedeuten, indiskret zu werden. 

Catville kann kein Obdach geben


Unser beschauliches Dorf im Herzen Oberschwabens zählt nur wenige Menschenseelen. Tatsächlich überwiegen nach jüngster Zählung die Katzenseelen, weshalb das Dorf in Insiderkreisen nur noch "Catville" genannt wird. Und wie jeder, der in einem solchen Dorf wohnt, weiß, sind die Höhepunkte des Tages der Postbote, der Güllewagen und seit einiger Zeit auch ein fröhliches Hupen, was nicht etwa einen Eiswagen oder Backwarenverkäufer ankündigt, sondern die Ankunft unseres Vermieters. Noch verwirrt uns dieses Hupen insofern, da wir uns nicht einig werden, ob die ganze WG Spalier stehen oder vom Balkon aus winken soll?  Also bleibt es dabei, dass wir uns einfach auf schwäbisch zurufen: "Er isch widder do!"
An Tagen jedoch, wo weder Postbote noch Güllewagen vorbeikommen und auch das Hupen wegen urlaubsbedingter Abwesenheit des Grundbesitzers ausbleibt, wirkt das Dorf wie ausgestorben. Einige Katzen huschen um die Ecken, wenn´s hochkommt legt uns Minke, die flinke, eine Maus mit abgebissenem Kopf vor die Tür. Kater Billy gähnt dazu gelangweilt und die zwanzig anderen namenlosen Katzenseelen wälzen sich entlang der Dorfstrasse in den in diesen Tagen raren Sonnenstrahlen.
In dieses Idyll hinein platzte gestern gegen Abend eine Horde rucksackbepackter Jugendlicher, die sich suchend umschauten. Unser Holzhaus ist immer ein Blickfang. Der große Garten wird nur symbolisch durch eine einsame Holztür, die wie eine Landart-Skulptur in der Mitte steht, vom Grundstück unseres Vermieters abgegrenzt. Dort gibt es einen Feuerplatz und vieles weitere Einladende. So war es nicht sehr verwunderlich, dass man bei uns anklingelte. Ein paar Mädchen übernahmen die Anfrage, sie seien eine Jugendgruppe, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, einfach für ein paar Tage auf´s Geratewohl loszuwandern, nur mit etwas Proviant und Wasser. Die Übernachtung blieb offen. Man wolle schauen, ob jemand auf den Dörfern eine Scheune öffnen würde. "Könnten wir in Ihrer Scheune übernachten?" Große flehende Augen sahen mich an. Leider ist die Scheune nicht unsere und leider konnte ich aufgrund der Abwesenheit unseres Vermieters das Grundstück nicht für eine 16-köpfige Gruppe freigeben. Etwas verschämt fragten die Mädchen, ob sie bei uns auf die Toilette dürften. Klar. So versammelten sie sich davor, standen an, ermahnten sich gegenseitig mit: "Mach aber koi Dreck, des wär unhöflich!" Danach ließen sie sich noch gemütlich nieder, es gefiel ihnen gar zu gut bei uns. Ich wurde vertraulich über speziell weibliche Themen ausgefragt (Hygiene auf Reisen usw.). Draußen warteten die Jungs schon ungeduldig, aber das war ihnen egal. Es tat mir leid, kein Obdach für 16 Leute geben zu können - für die Mädchen hätte ich es gern getan und unser Platz hätte dafür auch gereicht. Doch so mussten sie weiter ihr Glück versuchen. Hier in Catville gibt es eben nur Unterschlupf für Katzen. Alles andere muss draußen bleiben! ;-)

Darf ich dir die Hand geben?


Wann hast du zum letzten Mal jemandem bewusst die Hand gegeben? Es kommt immer seltener vor, zumindest im Privatleben. Immer öfter fallen mir Menschen, die ich zum ersten Mal im Leben sehe, automatisch bei der Begrüßung in die Arme, Küsschen rechts, Küsschen links und das Ganze beim Abschied wieder.
Halte ich jemandem freundlich meine Hand entgegen, guckt mein Gegenüber oft irritiert auf dieselbe, dann fragend auf mich, dann unbeholfenes Gelächter, bevor wir uns doch wieder in die Arme fallen, mehr aus Verlegenheit.
Ich war noch nie der Kuscheltyp, erst recht nicht, wenn ich Menschen nicht gut genug kenne, um mit ihnen auf Tuchfühlung zu gehen. Es ist mir unverständlich, warum man sich nicht mehr die Hand geben kann, ohne dass gemutmaßt wird, man könne den anderen nicht leiden. Ich wage sogar zu behaupten, dass ein Händedruck, bei dem man sich in die Augen sieht, viel stärker und verbindlicher ist, als eine Umarmung. Zum Beispiel werde ich den Händedruck von Rosel Zech nie vergessen: Fest und zupackend, ihr Blick dabei eindringlich. Oder der ganz weiche, flache Händedruck eines Stammeshäuptlings der Ova-Himba in Afrika. Ein fester Händedruck zählt dort als unhöflich und man schaut dabei bewusst dem gegenüber nicht in die Augen, um keine Macht zu demonstrieren.
Bei einer Umarmung kann man komplett auf Augenkontakt verzichten. Meist sind die Umarmungen flüchtig und leere Geste. Manchmal aber empfinde ich sie auch als Energieraub, als ein mich einnehmen wollen.
Ich gebe gern Menschen die Hand, sehe sie dabei an und merke mir ihren Namen. Wenn wir uns näher kennengelernt haben, kann es sein, dass ich zu einer Umarmung bereit bin.

Selbstdarstellung


Nun habe ich doch das Buch angefangen zu lesen: "Stadt der Engel - oder The Overcoat of Dr. Freud" von Christa Wolf. Was mich daran besonders betroffen macht, ist, wie angreifbar man ist, wenn man schreibt, wenn man öffentlich ist. Wie weh es tut, wenn man nach Wahrhaftigkeit ringt und sich deswegen zermürbt, hinterfragt und dennoch keine Antwort weiss. Wie alles, was man hinausträgt, in bestem Gewissen formuliert, falsch ausgelegt wird. Wie man gezwungen wird, sich verteidigen oder rechtfertigen zu müssen, wo es nichts zu rechtfertigen gibt. Man könnte sagen, das ist das Problem der anderen. Denn wenn ich nach bestem Wissen und Gewissen handle, hab ich alles mir mögliche getan. Das Gift des Misstrauens und des Hohns, das andere auf mich projizieren, ist ihr eigenes. Aber so einfach ist es eben nicht. Es trifft und tut weh.

Ob zwischen Schriftstellern oder Schauspielern so viel Unterschied ist, weiss ich nicht. Doch beide stellen sich der Öffentlichkeit, entblößen ein Stück ihrer Seele. Diese "Selbstdarstellung" wird nicht nur bewundert. Allzu oft wird sie falsch verstanden als Eitelkeit und Selbstgefälligkeit. In unserer Welt des Scheins ist das kein Wunder. Doch es fehlt an Unterscheidungsvermögen.

Christa Wolf sagt in einem Interview, dass das Schreiben heilsam wirkt. Es in Worte zu fassen, was da in einem gärt. Es zur Sprache zu bringen.
Ich glaube, Künstler schreiben, malen, musizieren, schauspielern in erster Linie für sich selbst. Vielleicht kann man das egoistisch nennen. Es ist heilsam. Sobald ich anfange, nur für andere zu schreiben, malen usw. verfange ich mich in Lügen und Selbstverleugnung. Also bleibe ich bei mir. Mache mich weiter verletzbar. Werde angegriffen und abgelehnt.
Aber einige bleiben, sehen mich wie ich bin und sind da.

Was ist uns heilig?


Wenn ich sagen sollte, welcher Schutzengel mich begleitet, so kann ich ohne Zögern sagen: Es ist Maria. Denn wo immer ich bin, entdecke ich kleine, schlichte Marienkapellen, die eine konzentrierte Energie ausstrahlen und mir Ruhe und Gelassenheit geben. So auch im Untermarchtal, wo die Tagung von Via Mundi stattfand mit dem Thema "Was ist uns heilig".
Gelassenheit brauchte ich auf jeden Fall früh am Morgen, als ich mit Nils zur Tagung starten wollte: Vor der Tür lagen in Sankt Gallen etwa 30 cm Schnee und dicke Flocken kamen ununterbrochen vom Himmel, sodass kaum Sicht war. Mir wurde ganz flau, denn mein Auto hatte schon Sommerreifen!
Meine hilflosen Versuche, den Platz vor der Garage freizuschippen nutzten nichts. Wir mussten den Räumdienst rufen und dann im Schneckentempo kilometerweit an vielen Autounfällen vorbei Richtung Autobahn tuckern.
Erstaunlich war es, dass wir trotz dieser Widrigkeiten pünktlich waren. Sehr herzlich wurden wir dort in Empfang genommen. Viele interessierten sich für den Film "Unter Wasser atmen", der nachmittags gezeigt wurde und für den einige Gruppen sogar auf ihre Gruppenarbeit verzichteten. So war das Publikum natürlich schonmal gut vorbereitet auf den Vortrag am Abend. "Im Miteinander stark - der Weg zur Inklusion". Das Wort Inklusion ist nicht vielen geläufig. "Wie war das nochmal mit dem Input?" fragte man mich. Nein, nicht Input, INKLUSION!
Wir haben Inklusion auf verschiedene Art erklärt. Wenn in einer Partnerschaft sich nur einer an den anderen anpassen muss, dann ist das eher Integration und nicht so optimal. Der, der sich anpasst, stellt seine Interessen hinten an, gibt seine Individualität zugunsten des anderen auf. So entwickelt sich keiner der Partner wirklich weiter, denn der sich anpasst, vernachlässigt sein Potenzial, während der andere in seiner Komfortzone stecken bleibt.
Gehen aber beide Partner aufeinander zu und verändern sich im Miteinander, dann ensteht etwas Drittes, das man Beziehung nennt.
Interessant war, dass die hellsichtige Jana Haas in ihrem Vortrag sagte, dass es jetzt in unserer Gesellschaft genau darum geht: Die Vielfalt der Kulturen muss zueinander finden, im aufeinander Zugehen verändern wir uns und entwickeln wir uns. Das "auf-alten-Dogmen-hockenbleiben" wird uns nicht weiterführen und keine Fortschritte bringen.
In meiner Gruppenarbeit konnte ich dann meine Teilnehmer direkt spüren lassen, was es mit dem "Zwischen-Menschlichen Resonanzraum" auf sich hat und wie man in Beziehung kommt, auch wenn man sich kaum kennt.
Wunderbar war auch der Ort. Das Kloster Untermarchtal ist ja nicht weit von meinem Wohnort entfernt, aber ich kannte es nicht. Die moderne Kirche im Kontrast zum alten Kloster, der kleinen Marienkapelle, dem lichtdurchfluteten Friedhof, dem Kräuterlabyrinth und den romantisch verschlungenen Wegen, luden ein, auch Wahrnehmungsübungen draußen zu machen und in Resonanz zu treten mit Natur und Räumen.
In den Pausen und beim Essen ergaben sich viele wertvolle Begegnungen und Gespräche, die noch nachwirken und Nils und mich inspirierten für weitere Projekte.
Es ist immer wieder bewegend, wenn ich Menschen im Kurs habe, die 20 bis 30 Jahre älter sind als ich und die sich mir anvertrauen und gleichzeitig auf so fruchtbare Weise ihre Lebenserfahrung einbringen. Auch dieses Phänomen ist Inklusion.
Danke, Doris, Helga, Manfred, Elisabeth, Anna-Brigitta, Mirjam, Gertraud und Christel. Ich bin sicher, ihr hört eure Namen noch klingen ;-)

Gedanken zum Gedicht „Mein Vogel" von Ingeborg Bachmann



Ingeborg Bachmann ist für mich eine der Lyrikerinnen, der es einzigartig und unvergleichlich gelungen ist, in ihren Gedichten zwei Welten, Traum- und Wachbewusstsein, inneres und äußeres Erleben, Realität und Fantasie in einen Dialog zu bringen. 
Das Gedicht "Mein Vogel" beginnt mit einem Versprechen, einer Zusicherung. "Was auch geschieht..."
 Ein Satz, von dem wir uns vielleicht alle wünschen, dass er uns gesagt wird: "Was auch geschieht, ich bleibe bei Dir" .Was auch geschieht, ich werde Dich beschützen!" "Was auch geschieht, Du wirst mich nicht verlieren." Was auch geschieht, ich werde Dich immer lieben!"

Dahinter steckt die tiefe Sehnsucht in uns, bedingungslos geliebt zu werden. Fast immer ist ja die Ursache einer Krise Verlustangst oder das Gefühl, nicht genug geliebt zu werden, nicht respektiert zu werden oder selbst nicht lieben zu können.
In dem Gedicht wird aber das Versprechen gegeben, dass es etwas in uns gibt, das uns begleitet, uns liebt und beschützt, etwas, das uns nie verlässt: Es ist die Eule, ein Symbol für die innere Weisheit. Sie ist Wächterin und Beistand, wenn die Welt um uns verheerend ist. Für mich persönlich ist die Eule auch ein Symbol für mein inneres unverletztes Selbst mit all meinen Talenten und Möglichkeiten und ein Symbol für meine Bestimmung in dieser Welt. Wenn ich mit der Eule in Kontakt bleibe, kann ich mich aufschwingen und alle Nebel des Alltags durchdringen.

Ein zweites wichtiges Symbol ist das Feuer. Wir werden geradezu aufgefordert zu brennen! Mit dem Schutz der Eule, unserer Wächterin, können wir das Risiko eingehen, immer wieder neu zu brennen, Funken zu schlagen.
Ich brenne in Liebe zu einem bestimmten Menschen oder in Liebe zu einer Sache, einer Idee. Ich bin befeuert und sprühe Funken. Aber vielleicht wird meine Liebe nicht erhört, nicht angenommen, vielleicht kann meine Idee nicht verwirklicht werden....
Der Schmerz darüber, lässt alles in mir zusammenstürzen, was bleibt ist ein Haufen Schutt. 
Doch Ingeborg Bachmann spricht vom Schutt der Sterne! Und vielleicht ist es so, dass gerade dieser Schutt mir Erleuchtung, Einsicht, Wahrheit bringt? Das Feuer der Leidenschaftlichkeit verbrennt mich und lässt mich zugleich wie Phönix aus der Asche aufsteigen, verjüngt und regeneriert.

Ja, dieses Gedicht ist die Aufforderung, sich dem Feuer der Leidenschaft immer wieder neu hinzugeben! Keine noch so große Enttäuschung oder Verletzung sollte uns den Mut nehmen, immer wieder in Liebe zu brennen und das Risiko des Schmerzes in Kauf zu nehmen, Grenzen zu überschreiten, und im Spannungsfeld zwischen Möglichem und Unmöglichem zu wachsen. Es ist die Aufforderung, unserer Bestimmung treu zu bleiben, uns von der inneren Stimme leiten zu lassen. Nicht zuletzt aber gibt uns der Text auch Trost, wenn wir eines Tages wie ein Stern am Firmament verglimmen werden: Etwas von uns bleibt und wird sich aufschwingen zu einer höheren Warte.

(gewidmet Gerti, die im Alter von 97 vor wenigen Tagen verstorben ist)

Ansichtssache


In einem meiner letzten Seminare ging es unter anderem darum, uns bewusst zu werden, welchen Standpunkt wir vertreten. Auch auf Körperebene ist das spannend: zum einen ist der "Stand" etwas Statisches, während "treten" Bewegung ist. Für mich bedeutet das, dass ich, um einen Standpunkt überzeugend vertreten zu können, beweglich sein muss, also fähig sein sollte, ein und dieselbe Sache aus unterschiedlichen Blickwinkeln anschauen zu können. 
Um unterschiedliche Ansichtsweisen überhaupt wählen zu können, muss ich natürlich erstmal wissen, wo ich stehe. "Aber dann relativiert sich ja alles!", war der Aufschrei. Ja. Was ist daran so schlimm? Die Werthaltung muss man ja deswegen nicht aufgeben.
Als ich einmal wegen sehr schlimmen Schmerzen nachts in die Notaufnahme kam, musste ich lange warten. Ich fand es empörend! Ich hatte Schmerzen! Es war kaum auszuhalten! Bis mir jemand erklärte, dass der Arzt gerade jemanden versorgte, der sehr viel Blut verloren hatte. Ja, da hat sich mein Schmerz relativiert. Ehrlich gesagt, fühlte er sich gar nicht mehr so schmerzhaft an. Meine Werthaltung "einem Menschen in Not muss geholfen werden" hatte sich von mir auf einen anderen verschoben.
Man kann gewiss nicht allem gerecht werden. Aber mit der Bereitschaft, den Blickwinkel zu ändern, zu erweitern, kann man mit Sicherheit zu einer gerechteren Welt beitragen.