Catville kann kein Obdach geben


Unser beschauliches Dorf im Herzen Oberschwabens zählt nur wenige Menschenseelen. Tatsächlich überwiegen nach jüngster Zählung die Katzenseelen, weshalb das Dorf in Insiderkreisen nur noch "Catville" genannt wird. Und wie jeder, der in einem solchen Dorf wohnt, weiß, sind die Höhepunkte des Tages der Postbote, der Güllewagen und seit einiger Zeit auch ein fröhliches Hupen, was nicht etwa einen Eiswagen oder Backwarenverkäufer ankündigt, sondern die Ankunft unseres Vermieters. Noch verwirrt uns dieses Hupen insofern, da wir uns nicht einig werden, ob die ganze WG Spalier stehen oder vom Balkon aus winken soll?  Also bleibt es dabei, dass wir uns einfach auf schwäbisch zurufen: "Er isch widder do!"
An Tagen jedoch, wo weder Postbote noch Güllewagen vorbeikommen und auch das Hupen wegen urlaubsbedingter Abwesenheit des Grundbesitzers ausbleibt, wirkt das Dorf wie ausgestorben. Einige Katzen huschen um die Ecken, wenn´s hochkommt legt uns Minke, die flinke, eine Maus mit abgebissenem Kopf vor die Tür. Kater Billy gähnt dazu gelangweilt und die zwanzig anderen namenlosen Katzenseelen wälzen sich entlang der Dorfstrasse in den in diesen Tagen raren Sonnenstrahlen.
In dieses Idyll hinein platzte gestern gegen Abend eine Horde rucksackbepackter Jugendlicher, die sich suchend umschauten. Unser Holzhaus ist immer ein Blickfang. Der große Garten wird nur symbolisch durch eine einsame Holztür, die wie eine Landart-Skulptur in der Mitte steht, vom Grundstück unseres Vermieters abgegrenzt. Dort gibt es einen Feuerplatz und vieles weitere Einladende. So war es nicht sehr verwunderlich, dass man bei uns anklingelte. Ein paar Mädchen übernahmen die Anfrage, sie seien eine Jugendgruppe, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, einfach für ein paar Tage auf´s Geratewohl loszuwandern, nur mit etwas Proviant und Wasser. Die Übernachtung blieb offen. Man wolle schauen, ob jemand auf den Dörfern eine Scheune öffnen würde. "Könnten wir in Ihrer Scheune übernachten?" Große flehende Augen sahen mich an. Leider ist die Scheune nicht unsere und leider konnte ich aufgrund der Abwesenheit unseres Vermieters das Grundstück nicht für eine 16-köpfige Gruppe freigeben. Etwas verschämt fragten die Mädchen, ob sie bei uns auf die Toilette dürften. Klar. So versammelten sie sich davor, standen an, ermahnten sich gegenseitig mit: "Mach aber koi Dreck, des wär unhöflich!" Danach ließen sie sich noch gemütlich nieder, es gefiel ihnen gar zu gut bei uns. Ich wurde vertraulich über speziell weibliche Themen ausgefragt (Hygiene auf Reisen usw.). Draußen warteten die Jungs schon ungeduldig, aber das war ihnen egal. Es tat mir leid, kein Obdach für 16 Leute geben zu können - für die Mädchen hätte ich es gern getan und unser Platz hätte dafür auch gereicht. Doch so mussten sie weiter ihr Glück versuchen. Hier in Catville gibt es eben nur Unterschlupf für Katzen. Alles andere muss draußen bleiben! ;-)

Darf ich dir die Hand geben?


Wann hast du zum letzten Mal jemandem bewusst die Hand gegeben? Es kommt immer seltener vor, zumindest im Privatleben. Immer öfter fallen mir Menschen, die ich zum ersten Mal im Leben sehe, automatisch bei der Begrüßung in die Arme, Küsschen rechts, Küsschen links und das Ganze beim Abschied wieder.
Halte ich jemandem freundlich meine Hand entgegen, guckt mein Gegenüber oft irritiert auf dieselbe, dann fragend auf mich, dann unbeholfenes Gelächter, bevor wir uns doch wieder in die Arme fallen, mehr aus Verlegenheit.
Ich war noch nie der Kuscheltyp, erst recht nicht, wenn ich Menschen nicht gut genug kenne, um mit ihnen auf Tuchfühlung zu gehen. Es ist mir unverständlich, warum man sich nicht mehr die Hand geben kann, ohne dass gemutmaßt wird, man könne den anderen nicht leiden. Ich wage sogar zu behaupten, dass ein Händedruck, bei dem man sich in die Augen sieht, viel stärker und verbindlicher ist, als eine Umarmung. Zum Beispiel werde ich den Händedruck von Rosel Zech nie vergessen: Fest und zupackend, ihr Blick dabei eindringlich. Oder der ganz weiche, flache Händedruck eines Stammeshäuptlings der Ova-Himba in Afrika. Ein fester Händedruck zählt dort als unhöflich und man schaut dabei bewusst dem gegenüber nicht in die Augen, um keine Macht zu demonstrieren.
Bei einer Umarmung kann man komplett auf Augenkontakt verzichten. Meist sind die Umarmungen flüchtig und leere Geste. Manchmal aber empfinde ich sie auch als Energieraub, als ein mich einnehmen wollen.
Ich gebe gern Menschen die Hand, sehe sie dabei an und merke mir ihren Namen. Wenn wir uns näher kennengelernt haben, kann es sein, dass ich zu einer Umarmung bereit bin.

Selbstdarstellung


Nun habe ich doch das Buch angefangen zu lesen: "Stadt der Engel - oder The Overcoat of Dr. Freud" von Christa Wolf. Was mich daran besonders betroffen macht, ist, wie angreifbar man ist, wenn man schreibt, wenn man öffentlich ist. Wie weh es tut, wenn man nach Wahrhaftigkeit ringt und sich deswegen zermürbt, hinterfragt und dennoch keine Antwort weiss. Wie alles, was man hinausträgt, in bestem Gewissen formuliert, falsch ausgelegt wird. Wie man gezwungen wird, sich verteidigen oder rechtfertigen zu müssen, wo es nichts zu rechtfertigen gibt. Man könnte sagen, das ist das Problem der anderen. Denn wenn ich nach bestem Wissen und Gewissen handle, hab ich alles mir mögliche getan. Das Gift des Misstrauens und des Hohns, das andere auf mich projizieren, ist ihr eigenes. Aber so einfach ist es eben nicht. Es trifft und tut weh.

Ob zwischen Schriftstellern oder Schauspielern so viel Unterschied ist, weiss ich nicht. Doch beide stellen sich der Öffentlichkeit, entblößen ein Stück ihrer Seele. Diese "Selbstdarstellung" wird nicht nur bewundert. Allzu oft wird sie falsch verstanden als Eitelkeit und Selbstgefälligkeit. In unserer Welt des Scheins ist das kein Wunder. Doch es fehlt an Unterscheidungsvermögen.

Christa Wolf sagt in einem Interview, dass das Schreiben heilsam wirkt. Es in Worte zu fassen, was da in einem gärt. Es zur Sprache zu bringen.
Ich glaube, Künstler schreiben, malen, musizieren, schauspielern in erster Linie für sich selbst. Vielleicht kann man das egoistisch nennen. Es ist heilsam. Sobald ich anfange, nur für andere zu schreiben, malen usw. verfange ich mich in Lügen und Selbstverleugnung. Also bleibe ich bei mir. Mache mich weiter verletzbar. Werde angegriffen und abgelehnt.
Aber einige bleiben, sehen mich wie ich bin und sind da.

Was ist uns heilig?


Wenn ich sagen sollte, welcher Schutzengel mich begleitet, so kann ich ohne Zögern sagen: Es ist Maria. Denn wo immer ich bin, entdecke ich kleine, schlichte Marienkapellen, die eine konzentrierte Energie ausstrahlen und mir Ruhe und Gelassenheit geben. So auch im Untermarchtal, wo die Tagung von Via Mundi stattfand mit dem Thema "Was ist uns heilig".
Gelassenheit brauchte ich auf jeden Fall früh am Morgen, als ich mit Nils zur Tagung starten wollte: Vor der Tür lagen in Sankt Gallen etwa 30 cm Schnee und dicke Flocken kamen ununterbrochen vom Himmel, sodass kaum Sicht war. Mir wurde ganz flau, denn mein Auto hatte schon Sommerreifen!
Meine hilflosen Versuche, den Platz vor der Garage freizuschippen nutzten nichts. Wir mussten den Räumdienst rufen und dann im Schneckentempo kilometerweit an vielen Autounfällen vorbei Richtung Autobahn tuckern.
Erstaunlich war es, dass wir trotz dieser Widrigkeiten pünktlich waren. Sehr herzlich wurden wir dort in Empfang genommen. Viele interessierten sich für den Film "Unter Wasser atmen", der nachmittags gezeigt wurde und für den einige Gruppen sogar auf ihre Gruppenarbeit verzichteten. So war das Publikum natürlich schonmal gut vorbereitet auf den Vortrag am Abend. "Im Miteinander stark - der Weg zur Inklusion". Das Wort Inklusion ist nicht vielen geläufig. "Wie war das nochmal mit dem Input?" fragte man mich. Nein, nicht Input, INKLUSION!
Wir haben Inklusion auf verschiedene Art erklärt. Wenn in einer Partnerschaft sich nur einer an den anderen anpassen muss, dann ist das eher Integration und nicht so optimal. Der, der sich anpasst, stellt seine Interessen hinten an, gibt seine Individualität zugunsten des anderen auf. So entwickelt sich keiner der Partner wirklich weiter, denn der sich anpasst, vernachlässigt sein Potenzial, während der andere in seiner Komfortzone stecken bleibt.
Gehen aber beide Partner aufeinander zu und verändern sich im Miteinander, dann ensteht etwas Drittes, das man Beziehung nennt.
Interessant war, dass die hellsichtige Jana Haas in ihrem Vortrag sagte, dass es jetzt in unserer Gesellschaft genau darum geht: Die Vielfalt der Kulturen muss zueinander finden, im aufeinander Zugehen verändern wir uns und entwickeln wir uns. Das "auf-alten-Dogmen-hockenbleiben" wird uns nicht weiterführen und keine Fortschritte bringen.
In meiner Gruppenarbeit konnte ich dann meine Teilnehmer direkt spüren lassen, was es mit dem "Zwischen-Menschlichen Resonanzraum" auf sich hat und wie man in Beziehung kommt, auch wenn man sich kaum kennt.
Wunderbar war auch der Ort. Das Kloster Untermarchtal ist ja nicht weit von meinem Wohnort entfernt, aber ich kannte es nicht. Die moderne Kirche im Kontrast zum alten Kloster, der kleinen Marienkapelle, dem lichtdurchfluteten Friedhof, dem Kräuterlabyrinth und den romantisch verschlungenen Wegen, luden ein, auch Wahrnehmungsübungen draußen zu machen und in Resonanz zu treten mit Natur und Räumen.
In den Pausen und beim Essen ergaben sich viele wertvolle Begegnungen und Gespräche, die noch nachwirken und Nils und mich inspirierten für weitere Projekte.
Es ist immer wieder bewegend, wenn ich Menschen im Kurs habe, die 20 bis 30 Jahre älter sind als ich und die sich mir anvertrauen und gleichzeitig auf so fruchtbare Weise ihre Lebenserfahrung einbringen. Auch dieses Phänomen ist Inklusion.
Danke, Doris, Helga, Manfred, Elisabeth, Anna-Brigitta, Mirjam, Gertraud und Christel. Ich bin sicher, ihr hört eure Namen noch klingen ;-)

Gedanken zum Gedicht „Mein Vogel" von Ingeborg Bachmann



Ingeborg Bachmann ist für mich eine der Lyrikerinnen, der es einzigartig und unvergleichlich gelungen ist, in ihren Gedichten zwei Welten, Traum- und Wachbewusstsein, inneres und äußeres Erleben, Realität und Fantasie in einen Dialog zu bringen. 
Das Gedicht "Mein Vogel" beginnt mit einem Versprechen, einer Zusicherung. "Was auch geschieht..."
 Ein Satz, von dem wir uns vielleicht alle wünschen, dass er uns gesagt wird: "Was auch geschieht, ich bleibe bei Dir" .Was auch geschieht, ich werde Dich beschützen!" "Was auch geschieht, Du wirst mich nicht verlieren." Was auch geschieht, ich werde Dich immer lieben!"

Dahinter steckt die tiefe Sehnsucht in uns, bedingungslos geliebt zu werden. Fast immer ist ja die Ursache einer Krise Verlustangst oder das Gefühl, nicht genug geliebt zu werden, nicht respektiert zu werden oder selbst nicht lieben zu können.
In dem Gedicht wird aber das Versprechen gegeben, dass es etwas in uns gibt, das uns begleitet, uns liebt und beschützt, etwas, das uns nie verlässt: Es ist die Eule, ein Symbol für die innere Weisheit. Sie ist Wächterin und Beistand, wenn die Welt um uns verheerend ist. Für mich persönlich ist die Eule auch ein Symbol für mein inneres unverletztes Selbst mit all meinen Talenten und Möglichkeiten und ein Symbol für meine Bestimmung in dieser Welt. Wenn ich mit der Eule in Kontakt bleibe, kann ich mich aufschwingen und alle Nebel des Alltags durchdringen.

Ein zweites wichtiges Symbol ist das Feuer. Wir werden geradezu aufgefordert zu brennen! Mit dem Schutz der Eule, unserer Wächterin, können wir das Risiko eingehen, immer wieder neu zu brennen, Funken zu schlagen.
Ich brenne in Liebe zu einem bestimmten Menschen oder in Liebe zu einer Sache, einer Idee. Ich bin befeuert und sprühe Funken. Aber vielleicht wird meine Liebe nicht erhört, nicht angenommen, vielleicht kann meine Idee nicht verwirklicht werden....
Der Schmerz darüber, lässt alles in mir zusammenstürzen, was bleibt ist ein Haufen Schutt. 
Doch Ingeborg Bachmann spricht vom Schutt der Sterne! Und vielleicht ist es so, dass gerade dieser Schutt mir Erleuchtung, Einsicht, Wahrheit bringt? Das Feuer der Leidenschaftlichkeit verbrennt mich und lässt mich zugleich wie Phönix aus der Asche aufsteigen, verjüngt und regeneriert.

Ja, dieses Gedicht ist die Aufforderung, sich dem Feuer der Leidenschaft immer wieder neu hinzugeben! Keine noch so große Enttäuschung oder Verletzung sollte uns den Mut nehmen, immer wieder in Liebe zu brennen und das Risiko des Schmerzes in Kauf zu nehmen, Grenzen zu überschreiten, und im Spannungsfeld zwischen Möglichem und Unmöglichem zu wachsen. Es ist die Aufforderung, unserer Bestimmung treu zu bleiben, uns von der inneren Stimme leiten zu lassen. Nicht zuletzt aber gibt uns der Text auch Trost, wenn wir eines Tages wie ein Stern am Firmament verglimmen werden: Etwas von uns bleibt und wird sich aufschwingen zu einer höheren Warte.

(gewidmet Gerti, die im Alter von 97 vor wenigen Tagen verstorben ist)

Ansichtssache


In einem meiner letzten Seminare ging es unter anderem darum, uns bewusst zu werden, welchen Standpunkt wir vertreten. Auch auf Körperebene ist das spannend: zum einen ist der "Stand" etwas Statisches, während "treten" Bewegung ist. Für mich bedeutet das, dass ich, um einen Standpunkt überzeugend vertreten zu können, beweglich sein muss, also fähig sein sollte, ein und dieselbe Sache aus unterschiedlichen Blickwinkeln anschauen zu können. 
Um unterschiedliche Ansichtsweisen überhaupt wählen zu können, muss ich natürlich erstmal wissen, wo ich stehe. "Aber dann relativiert sich ja alles!", war der Aufschrei. Ja. Was ist daran so schlimm? Die Werthaltung muss man ja deswegen nicht aufgeben.
Als ich einmal wegen sehr schlimmen Schmerzen nachts in die Notaufnahme kam, musste ich lange warten. Ich fand es empörend! Ich hatte Schmerzen! Es war kaum auszuhalten! Bis mir jemand erklärte, dass der Arzt gerade jemanden versorgte, der sehr viel Blut verloren hatte. Ja, da hat sich mein Schmerz relativiert. Ehrlich gesagt, fühlte er sich gar nicht mehr so schmerzhaft an. Meine Werthaltung "einem Menschen in Not muss geholfen werden" hatte sich von mir auf einen anderen verschoben.
Man kann gewiss nicht allem gerecht werden. Aber mit der Bereitschaft, den Blickwinkel zu ändern, zu erweitern, kann man mit Sicherheit zu einer gerechteren Welt beitragen.

Du gehörst dazu!


Ob sich jemand schonmal darüber Gedanken gemacht hat, dass Inklusion in der Schule nicht allein bedeutet, dass nur Kinder mit Behinderung an normalem Unterricht teilhaben können? Es bedeutet meiner Meinung nach viel mehr, nämlich, dass jeder und jede das Recht bekommt, nach seiner und ihrer Begabung lernen zu dürfen und sich gleichberechtigt in den Unterricht einbringen darf.
Meine Schulzeit war zwischen 1970 und 1983. Ziemlich erschütternd finde ich, dass sich seither offenbar so gut wie nichts am Schulsystem verändert hat. Zu keiner Zeit ging es mir schlechter, als während meiner Schulzeit. Keine einzige meiner Begabungen wurde gefördert oder auch nur erkannt - im Gegenteil: als unsere Klasse ein Theaterstück aufführen sollte, bekam ich als einzige Rolle eine Statistenrolle ohne Text: Ich spielte den vorderen Teil eines Kamels...
Meine Talente waren und sind Beobachtungsgabe, soziale Kompetenz, Humor, Erfindungsreichtum. Ich liebte Gedichte und Geschichten vorzutragen, zu singen und mich frei zu bewegen. Nichts davon schien damals von Bedeutung. Schule langweilte mich extrem und zeitweise war es einfach unerträglich. Das meiste meiner Allgemeinbildung habe ich mir erst viel später angeeignet: Wenn ich nämlich über eine Theaterfigur auf eine bestimmte Zeitepoche stieß, wurde diese so interessant und spannend, dass ich alles darüber wissen wollte. Die Lust am Lernen fand ich erst im Erwachsenenalter.
Meine Lehrer waren zum großen Teil unkreative, eindimensional denkende Menschen. In meinen Kursen fällt mir immer auf, wie sehr wir von diesem Schulsystem negativ geprägt sind. Die meisten von uns können sich nur in ihren Defiziten sehen. Auch ich fühlte mich nach einem mäßig guten Schulabschluss wie ein Loser. Für mich war es undenkbar, diese Art von Lernen in einer Universität fortzusetzen, ich konnte mir nichts Langweiligeres und Uninspirierenderes vorstellen. Meine Schule vergab Preise für die Besten in Mathematik und Physik, für die mit den meisten Bestnoten. Einen Preis für soziale Kompetenz gab es nicht. Auch nicht für Humor oder Heiterkeit. Oder für meine Kommunikationsfähigkeit, meine Streitbarkeit, meine Diskussionsbereitschaft.
Im Grunde war ich lange der Meinung, dass ich nichts kann. Hätten wir damals in der Schule MitschülerInnen mit Behinderungen gehabt, wäre es mir sicher sehr gut gelungen, mich mit meinen Talenten einzubringen und zu zeigen, was ich kann. Ich stelle es mir sehr lebendig und kreativ vor, in Gruppenarbeit zu lernen und das Miteinander zu stärken. 
In meiner Workshoparbeit heute sehe ich immer wieder, wie groß das Bedürfnis der Menschen ist, sich auszutauschen und aneinander und durch einander zu lernen. Ich bin dann nur diejenige, die die Struktur vorgibt, alles andere geschieht von selbst.
Es funktioniert nicht nur bei Erwachsenen, es funktioniert ebenso bei Jugendlichen und ich bin fest überzeugt, es wird auch mit den Kleinsten so funktionieren, wenn wir nur damit anfangen. 
Wir alle haben im Leben schonmal zwei Sätze gesagt. Der erste ist: "Ich habe mich dort nie ganz heimisch gefühlt." So ist es mir in meiner Schulzeit gegangen. Ich empfand mich nicht angenommen, fremd.
Der zweite Satz ist: "Ich fühlte mich wie Zuhause, als ob ich schon immer dort gewesen wäre". So sprechen wir, wenn wir wahrhaft angenommen wurden, wenn wir sozusagen gelebte Inklusion erfahren. 
Unser tiefster Wunsch ist sicher, geliebt zu werden, so wie wir sind und für das wie wir im Innersten sind. Dazu müssen wir gesehen werden, unsere Talente erkannt werden. Diese Schätze auszugraben und zu fördern ist Aufgabe der Lehrer und Lehrerinnen. Eine schönere Aufgabe kann es nicht geben. Es steht außer Frage, dass dazu ein ganzes Schulssystem umgekrempelt werden muss. Doch irgendwann muss man anfangen. Es wird höchste Zeit.

Dem Fluß des Lebens folgen



Zum Ende des letzten Jahres habe ich mir vorgenommen, nichts und niemandem mehr hinterherzurennen. Vielmehr möchte ich aufmerksam werden auf das, was auf mich zukommt, einfach so. Und tatsächlich machen sich die ersten Zeichen bemerkbar. Ein wenig aufregend ist es schon, wenn du die Kontrolle aufgibst und wartest, was das Leben dir schenkt. Dieses "Geschenk" kann nämlich eine Herausforderung sein, die dich aus deiner Gemütlichkeit, aus deinem eingeschliffenen Leben heraushebt.
Das war unter anderem auch ein Thema im letzten Kurs, der im Übrigen ganz ohne Anstrengung zustande gekommen war. Wir machten uns bewusst, dass das Leben aus Zyklen besteht. Und weil dem so ist, bietet es uns die schönsten Gelegenheiten, uns unserem Zyklus gemäß zu entwickeln. Es gilt nur, diese Gelegenheiten, diese Geschenke, zu erkennen,wahrzunehmen und anzunehmen.
Dazu ist es wichtig, sich bewusst zu machen, wo du stehst. Wir betrachteten das letzte Jahr, unsere schönen und schwierigen Momente, dann unsere Bedürfnisse jetzt. Es ist immer wieder spannend, zu sehen, dass wir im Körper und in unseren Bewegungen Antworten finden.
Bekanntlich wissen wir meistens genau, was wir nicht wollen. Die feine Körperwahrnehmung jedoch zeigt genau auf, was wir wollen. In diesem Moment des intensiven Spürens, wird eine Resonanzkraft frei, die genau das anzieht, was wir wirklich brauchen.
Für manche von uns ist es ein überwältigendes Erlebnis. Denn oft handelt es sich um bisher verdrängte Bedürfnisse, Dinge, die der Kopf weggedrückt hat, weil wir doch dafür im Leben keine Zeit, kein Geld, keinen Raum haben. Doch das sind nur Ausflüchte. Ich bin überzeugt, wenn wir es wagen, dem Ruf zu folgen, und uns dem Fluß des Lebens anvertrauen, dann wird alles, was wir dazu brauchen da sein. Es ist einzig unser Mut gefragt und das Loslassen von festgefahrenen Vorstellungen, die meist nur unserer Bequemlichkeit dienen, jedoch nichts mit dem wahrhaftigen Glück zu tun haben.
Wir leben in einer Zeit der oberflächlichen Mitteilungssucht und Meinungsäußerung. Ich finde es erschreckend, wie wenig echte Meinungen es tatsächlich gibt und wie die meisten Menschen sich einfach anschließen und dies im Internet teilen. Das Formulieren eigener Gedanken und Gefühle geht vielen abhanden und verliert sich in Allgemeinplätzen. Es wird zitiert und zitiert. Somit entfremden wir uns immer mehr unserem inneren Kern. Ich beobachte, dass das Spuren hinterlässt in den Körpern und in der Psyche. Wo bist du? Was willst du? Wo ist dein Platz?
Die Kraft der Verbundenheit finden wir nur in uns selbst und im schöpferischen Miteinander von Mensch zu Mensch.

Wer klopfet an?


Ein Weihnachtslied, das in meiner Kindheit oft zum Krippenspiel gehörte und pantomimisch nachgespielt wurde. "Wer klopfet an?" Schon als Kind fand ich es unglaublich, dass niemand für Maria und Josef die Tür öffnete und sie schließlich mit einem Stall Vorlieb nehmen mussten.
Aufgewachsen in einer Pfarrersfamilie, war es bei uns selbstverständlich, dass die Tür aufgemacht wurde, wenn jemand davor stand. Ich kann mich noch an einen bärtigen Mann erinnern, der dicke Wurstbrote in unserer Küche mampfte. Mit Sicherheit haben wir damals niemanden nach seiner Herkunft oder seinen Papieren gefragt. Hätte uns jemand beklaut, oder gar schlimmeres angerichtet, dann kann ich mir kaum vorstellen, dass mein Vater zu meiner Mutter gesagt hätte: "Du bist schuld, du hast den reingelassen!"
Wieso braucht es immer einen Schuldigen? Anscheinend ist die Menschheit so. Es muss einen Sündenbock geben, der all unsere Dummheiten auf sich nimmt. Dass Jesus sich dafür hergegeben hat, ist sicher rühmlich, aber ich glaube, die "Erlösung" in seinem Sinne findet erst statt, wenn wir diese Art von Sündenbock nicht mehr brauchen, wenn wir begreifen, dass Leben immer ein Risiko in sich birgt, dem wir mutig entgegentreten können. 
Jeder von uns hat die Entscheidungskraft, seine Tür zu öffnen oder nicht. "Tür" steht für mich symbolisch auch für "Herz". Bei jedem von uns klopft jemand oder etwas anderes an. Geben wir diesem leisen Ruf nach? Spüren wir, wofür unser Herz schlägt? Wie die Welt und das Miteinander in Zukunft aussehen wird, liegt nicht an einer einzigen Person. Niemand hat soviel Macht. Und dennoch: Du gestaltest dieses Miteinander in deinem Tun und Lassen mit. Als Teil eines Ganzen sind wir alle verantwortlich. Verantwortung empfinden manche von uns als etwas Beschwerliches, weshalb sie diese gern von sich schieben. Für mich bedeutet diese Eigenverantwortlichkeit Kreativität, Schöpferkraft und echtes Leben.
Ich wünsche allen meinen Lesern besinnliche Feiertage und ein Jahr 2017, das uns bewusst leben lässt, wofür unser Herz schlägt.

Wie jeder Inklusion einfordern kann

Mein Freund ist aufgrund seiner Mehrfachbehinderung auf Hilfe angewiesen. Seit ich ihn kenne, lerne ich immer wieder dazu, wie unterschiedlich diese Hilfe aussehen kann und was davon der Inklusion zuträglich ist, und was nicht.
Blind und tetraspastisch gelähmt, ist es ihm nicht möglich, allein aus dem Haus zu gehen und sich zum Beispiel neue Jeans zu kaufen. Es wurden ihm Hosen nach Hause gebracht, anprobiert und die, die passten wurden behalten, die anderen zurückgegeben. Praktisch und bequem für alle. Inklusiv? Nein.
Als wir uns kennenlernten und wir das erste Mal in einer Stadt zusammen bummelten, sah ich im Schaufenster einen Pullover. "Wow, der würde dir gut stehen!" entfuhr es mir. Er ließ sich den Pullover von mir beschreiben und beschloss spontan, ihn anzuprobieren. In den Laden hereinzukommen ging recht gut. Die Abteilung mit den Pullovern war ein Stockwerk weiter oben, einen Aufzug gab es nicht. Eine bereitwillige Verkäuferin brachte uns unterschiedliche Pullis und in einer eher knappen Umkleidekabine probierte er sie mit meiner Hilfe an. Das erste Mal seit langer Zeit konnte er selbst entscheiden, selbst wählen. Seine Freude darüber war den recht schweisstreibenden Aufwand wert. Unlängst kauften wir zusammen Hosen. Es gab in dem Laden keine Haltestangen und ich musste mir einiges einfallen lassen und improvisieren, um dem Mann beim Anprobieren zu helfen. Wir brauchten dafür sicher rund eine Stunde. Das Personal war erstaunt, etwas hilflos, dann aber auch voller Bewunderung. Wir machten den Geschäftsführer darauf aufmerksam, dass das Anbringen einer Haltestange nicht nur für Menschen mit Behinderung von Vorteil wäre, es wäre zusätzlich noch eine prima Möglichkeit, die Kleider, denen man sich entledigen muss, darüber zu hängen, statt sie auf den Boden fallen zu lassen. Er nahm diesen Vorschlag ernst, immerhin hatten wir drei Hosen gekauft und waren damit einträgliche Kunden. Man schenkte jedem von uns eine Flasche Mineralwasser, nach dieser fast schon sportlichen Leistung.
Natürlich wäre es bequemer und praktischer, sich die Kleider nach Hause schicken zu lassen und anzuprobieren. Doch mein Freund würde dann nicht aus dem Haus kommen, keinen Kontakt zu der "normalen" Welt haben, der Ladeninhaber wüsste nichts von den Bedürfnissen seiner Kunden und es wäre keine Inklusion, sondern Exklusion.
Heute Abend gehen wir in ein Konzert. Es wird im 2. Stock stattfinden und es gibt keinen Aufzug. Deswegen zuhause bleiben?  Kommt nicht in Frage!

Nachtrag: Das Konzert war wundervoll. Wir hätten es auch vom Erdgeschoss aus hören können, aber das wollte der Veranstalter nicht, die Akustik sei nur oben makellos. Vier starke Männer trugen den Mann mit Rollstuhl die Treppe hoch. Ich halte das zwar nicht für eine ideale Lösung, da eine solche Aktion immer mit Risiken verbunden ist. Dennoch war es eine Aktion des Miteinanders.

Nachtrag 2: Selbstverständlich ist "exklusives Handeln" manchmal unumgänglich, zumindest so lange, wie es in unserer Gesellschaft noch nicht die entsprechenden Maßnahmen gibt, die Inklusion mühelos verwirklichen lassen. Aber die Gesellschaft kann nur dann begreifen, was dazu notwendig ist, indem man sie die Erfahrung machen lässt.

Freibier für alle!


Vor einigen Tagen waren wir mal wieder im Kino. "The Girl King" ist ein historischer Spielfilm über Kristina von Schweden, die aus jeder Norm fiel, kunstsinnig und hochintelligent war, ein Freigeist, eine Sucherin. Sie befasste sich mit Philosophie und den damit verbundenen Lebensfragen, holte Descartes an ihren Hof, setzte sich für den Frieden ein, ließ ganze Bibliotheken aufbauen und wollte aus dem dumpfen Bauernvolk ein gebildetes machen.
Obwohl sie von ihrem Volk wohl durchaus geschätzt wurde, kam das mit der Bildung nicht so gut an.
Eine eindrucksvolle Szene, die, wie ich finde, durchaus auch für heute gilt:
Kristina ist inkognito unterwegs und wird erkannt. Das Volk jubelt ihr zu. Sie wird auf ein Podest gestellt und soll zum Volk sprechen. Das nutzt sie, um den Menschen von Kunst und Büchern, von Philosophie und Kultur zu berichten. Doch ihr Begleiter flüstert ihr ständig zu: "Geben Sie Freibier aus!" Sie ignoriert ihn und spricht weiter. Das Volk verstummt und blickt ratlos. "Freibier!" flüstert ihr Begleiter schärfer. Und nachdem Kristina wieder nicht reagiert ruft er laut: "Ihre Majestät gibt Freibier für alle!" Das Volk fällt in taumelnden Jubel aus und ruft: "Lang lebe die Königin!"
Dass Kristina nach 10 Jahren Regentschaft abgedankt hat und danach in Rom lebte, wo sie Theater und Museen baute, verwundert nicht.
Auf dem Heimweg meinte ich zu Lone: "Es hat sich wirklich kaum was verändert. Freibier für alle ist immernoch die magische Formel."
Für Freibier kann man natürlich auch, je nachdem wo man sich befindet, Kuchen einsetzen oder Kaffee oder einfach das Wörtchen "Gratis".
 
Zum Film: Grandios spielt Martina Gedeck die Mutter von Kristina, zwar nur in einer Minirolle, dafür aber umso eindrucksvoller. Ohne diese Figur würde man die Persönlichkeit Kristinas nicht wirklich erfassen und verstehen. Martina Gedeck zeigt mit Mimik und Stimme ein ganzes Lebensdrama mit allen Abgründen und Tragik.
Malin Buska als Kristina Wasa ist ebenfalls beeindruckend.

Carolin Emcke Dankesrede Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 23 10...





Eine Rede, an der aus meiner Sicht alles stimmt, nicht nur inhaltlich. Ich habe sie mir jetzt zum dritten Mal angehört und bin immernoch davon ergriffen. Viele Gedanken zum weiter reflektieren. Man sollte nie aufhören, sich selbst zu hinterfragen und die eigenen Vorurteile entlarven.