Wie jeder Inklusion einfordern kann

Mein Freund ist aufgrund seiner Mehrfachbehinderung auf Hilfe angewiesen. Seit ich ihn kenne, lerne ich immer wieder dazu, wie unterschiedlich diese Hilfe aussehen kann und was davon der Inklusion zuträglich ist, und was nicht.
Blind und tetraspastisch gelähmt, ist es ihm nicht möglich, allein aus dem Haus zu gehen und sich zum Beispiel neue Jeans zu kaufen. Es wurden ihm Hosen nach Hause gebracht, anprobiert und die, die passten wurden behalten, die anderen zurückgegeben. Praktisch und bequem für alle. Inklusiv? Nein.
Als wir uns kennenlernten und wir das erste Mal in einer Stadt zusammen bummelten, sah ich im Schaufenster einen Pullover. "Wow, der würde dir gut stehen!" entfuhr es mir. Er ließ sich den Pullover von mir beschreiben und beschloss spontan, ihn anzuprobieren. In den Laden hereinzukommen ging recht gut. Die Abteilung mit den Pullovern war ein Stockwerk weiter oben, einen Aufzug gab es nicht. Eine bereitwillige Verkäuferin brachte uns unterschiedliche Pullis und in einer eher knappen Umkleidekabine probierte er sie mit meiner Hilfe an. Das erste Mal seit langer Zeit konnte er selbst entscheiden, selbst wählen. Seine Freude darüber war den recht schweisstreibenden Aufwand wert. Unlängst kauften wir zusammen Hosen. Es gab in dem Laden keine Haltestangen und ich musste mir einiges einfallen lassen und improvisieren, um dem Mann beim Anprobieren zu helfen. Wir brauchten dafür sicher rund eine Stunde. Das Personal war erstaunt, etwas hilflos, dann aber auch voller Bewunderung. Wir machten den Geschäftsführer darauf aufmerksam, dass das Anbringen einer Haltestange nicht nur für Menschen mit Behinderung von Vorteil wäre, es wäre zusätzlich noch eine prima Möglichkeit, die Kleider, denen man sich entledigen muss, darüber zu hängen, statt sie auf den Boden fallen zu lassen. Er nahm diesen Vorschlag ernst, immerhin hatten wir drei Hosen gekauft und waren damit einträgliche Kunden. Man schenkte jedem von uns eine Flasche Mineralwasser, nach dieser fast schon sportlichen Leistung.
Natürlich wäre es bequemer und praktischer, sich die Kleider nach Hause schicken zu lassen und anzuprobieren. Doch mein Freund würde dann nicht aus dem Haus kommen, keinen Kontakt zu der "normalen" Welt haben, der Ladeninhaber wüsste nichts von den Bedürfnissen seiner Kunden und es wäre keine Inklusion, sondern Exklusion.
Heute Abend gehen wir in ein Konzert. Es wird im 2. Stock stattfinden und es gibt keinen Aufzug. Deswegen zuhause bleiben?  Kommt nicht in Frage!

Nachtrag: Das Konzert war wundervoll. Wir hätten es auch vom Erdgeschoss aus hören können, aber das wollte der Veranstalter nicht, die Akustik sei nur oben makellos. Vier starke Männer trugen den Mann mit Rollstuhl die Treppe hoch. Ich halte das zwar nicht für eine ideale Lösung, da eine solche Aktion immer mit Risiken verbunden ist. Dennoch war es eine Aktion des Miteinanders.

Nachtrag 2: Selbstverständlich ist "exklusives Handeln" manchmal unumgänglich, zumindest so lange, wie es in unserer Gesellschaft noch nicht die entsprechenden Maßnahmen gibt, die Inklusion mühelos verwirklichen lassen. Aber die Gesellschaft kann nur dann begreifen, was dazu notwendig ist, indem man sie die Erfahrung machen lässt.

Freibier für alle!


Vor einigen Tagen waren wir mal wieder im Kino. "The Girl King" ist ein historischer Spielfilm über Kristina von Schweden, die aus jeder Norm fiel, kunstsinnig und hochintelligent war, ein Freigeist, eine Sucherin. Sie befasste sich mit Philosophie und den damit verbundenen Lebensfragen, holte Descartes an ihren Hof, setzte sich für den Frieden ein, ließ ganze Bibliotheken aufbauen und wollte aus dem dumpfen Bauernvolk ein gebildetes machen.
Obwohl sie von ihrem Volk wohl durchaus geschätzt wurde, kam das mit der Bildung nicht so gut an.
Eine eindrucksvolle Szene, die, wie ich finde, durchaus auch für heute gilt:
Kristina ist inkognito unterwegs und wird erkannt. Das Volk jubelt ihr zu. Sie wird auf ein Podest gestellt und soll zum Volk sprechen. Das nutzt sie, um den Menschen von Kunst und Büchern, von Philosophie und Kultur zu berichten. Doch ihr Begleiter flüstert ihr ständig zu: "Geben Sie Freibier aus!" Sie ignoriert ihn und spricht weiter. Das Volk verstummt und blickt ratlos. "Freibier!" flüstert ihr Begleiter schärfer. Und nachdem Kristina wieder nicht reagiert ruft er laut: "Ihre Majestät gibt Freibier für alle!" Das Volk fällt in taumelnden Jubel aus und ruft: "Lang lebe die Königin!"
Dass Kristina nach 10 Jahren Regentschaft abgedankt hat und danach in Rom lebte, wo sie Theater und Museen baute, verwundert nicht.
Auf dem Heimweg meinte ich zu Lone: "Es hat sich wirklich kaum was verändert. Freibier für alle ist immernoch die magische Formel."
Für Freibier kann man natürlich auch, je nachdem wo man sich befindet, Kuchen einsetzen oder Kaffee oder einfach das Wörtchen "Gratis".
 
Zum Film: Grandios spielt Martina Gedeck die Mutter von Kristina, zwar nur in einer Minirolle, dafür aber umso eindrucksvoller. Ohne diese Figur würde man die Persönlichkeit Kristinas nicht wirklich erfassen und verstehen. Martina Gedeck zeigt mit Mimik und Stimme ein ganzes Lebensdrama mit allen Abgründen und Tragik.
Malin Buska als Kristina Wasa ist ebenfalls beeindruckend.

Carolin Emcke Dankesrede Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 23 10...





Eine Rede, an der aus meiner Sicht alles stimmt, nicht nur inhaltlich. Ich habe sie mir jetzt zum dritten Mal angehört und bin immernoch davon ergriffen. Viele Gedanken zum weiter reflektieren. Man sollte nie aufhören, sich selbst zu hinterfragen und die eigenen Vorurteile entlarven.

Hilfe, das Telefon klingelt nicht mehr!

Im Netz las ich kürzlich, es sei unhöflich, jemanden ohne vorherige Anmeldung einfach am Telefon anzurufen. Man muss das vorher per mail ankündigen.
Zugegeben: Ab und zu "verabrede" ich mich auch mit meinen Freundinnen am Telefon und das tun wir per email. Das aber nur, weil wir wissen, die Gespräche können bis zu einer Stunde dauern. So schauen wir, wann wir beide Zeit haben für ein ausführliches Gespräch. Wohnt die Freundin nur 20 km weiter, treffen wir uns im Cafe oder Zuhause.
Nun gibt es aber auch Leute, die schauen sich ihre emails einmal die Woche an. Da kann ich also schlecht ein dringendes Telefonat per mail ankündigen. Rausgefunden habe ich, dass das dann per Whatsapp geht. Wobei ich selber Whatsapp nicht bräuchte. Den Account habe ich nur angelegt, um auch die MailphobikerInnen zu erreichen.
Was aber wirklich nervig ist und wahnsinnig viel Zeit in Anspruch nimmt ist, dass emails, sms, whatsapp - all das kurz geschriebene Zeug -  oft dermaßen missverständlich rüberkommt, dass man zig mal hin und her mailen muss, um eine Sache zu klären. Dabei hätte man es in einem Telefongespräch oder face to face so schnell geklärt. In einer email kannst du nicht lesen, mit welcher Gemütsverfassung es geschrieben ist. Du liest die Nachricht in deiner eigenen Verfassung. Bist du gerade schlecht gelaunt, wirst du die mail auch im schlecht gelaunten Ton "hören".
Da habe ich neulich so viel Energie in eine funktionierende Telefonleitung gesteckt und muss feststellen, dass ich eigentlich kaum noch angerufen werde. Doch, fast hätte ich es vergessen: Die Marketingumfragen, die Call-Center, die sind begeisterte Telefonierer.
Eine Lebendige Kommunikation ist die alleinige Email-Kommunikation jedenfalls nicht. Kurze Informationen weitergeben, mal ein Gruss, um sich in Erinnerung zu rufen, eine Verabredung treffen, eine geschäftliche Anfrage, das finde ich per mail in Ordnung.
Probleme und Konflikte lösen, eine Meinung erfragen oder zu diskutieren - das geht nie und nimmer per mail. Ich lasse mich darauf nicht mehr ein.
Wem ich es nicht wert bin, dass er oder sie mich persönlich anspricht, der ist meiner nicht wert.

Selbstbestimmt leben - wer es könnte!

Raul Krauthausen fragt aus gegebenem Anlass, was wir unter einem selbstbestimmten Leben verstehen.
Ich beobachte schon lange, dass nur ganz wenige Menschen selbstbestimmt leben, denn sie sind doch eher fremdbestimmt. Fremdbestimmt von Normen und Werten, die Familie oder Umwelt vorschreiben. Allzu oft ist das, was man meint, selbst gewählt zu haben, nur Anpassung, Ergebnis vom Wunsch anerkannt und akzeptiert zu werden. In der Pubertät ist vermeintliche Selbstbestimmung einfach eine Antihaltung. Auch ist man weder mit viel Geld frei und unabhängig noch mit wenig. Genauso schafft Bildung nicht unbedingt mehr Selbstbestimmung. Denn der Mut zum selbstbestimmten Leben ist eine Fähigkeit, die in erster Linie eine starke Persönlichkeit voraussetzt. Unsere Persönlichkeit wächst mit den Jahren und mit all den guten und schlechten Erfahrungen, die wir erleben. Ob sie uns stärker machen oder resignieren lassen, hängt sicherlich davon ab, ob wir eher optimistisch denken und fühlen können, oder im defizitären Erleben hängen bleiben.
Wollten wir, dass es mehr Selbstbestimmung gibt, müssten wir alle unsere Werthaltungen neu überdenken, ändern und eine freiere, vielfältigere, flexiblere Gesellschaft anstreben, in der jeder Einzelne als gleichwertiges Mitglied anerkannt wird, ganz egal, wie sehr er sich unterscheidet.
Zu einem selbstbestimmten Leben gehört für mich natürlich dazu, dass ich wählen darf, wo und mit wem ich leben will. Dieses Recht sollte auch schon Kindern gewährt werden. Menschen mit Behinderung sollten selber entscheiden dürfen, ob sie in einer Wohnung leben oder in einer Einrichtung. Genauso mit Bildungseinrichtungen: wählen dürfen, was man möchte, denn was für den einen gut ist, kann für den anderen schlecht sein.
Jeder Beruf müsste genug Geld einbringen, damit man davon leben kann - gleichgültig, wieviele Stunden jemand fähig ist, zu arbeiten. Ein Grundeinkommen scheint da eine Lösung zu sein, die Frage ist nur, ob wir das mit der momentanen Werthaltung tragen könnten, wo das vorherrschende Bestreben immernoch das ist, den Menschen durch manipulative Handlungen soviel Geld wie möglich aus der Tasche zu ziehen. Denn auch was Werbung angeht, sind wir doch (Hand auf's Herz) selten selbstbestimmt.
Bis Gesetze sich ändern, ganze Gesellschaften eine Kehrtwendung machen, vergehen Jahrzehnte bis Jahrhunderte. Es lohnt sich dennoch, dafür zu streiten, sich zu engagieren, wie Raul es tut und viele andere auch.
Es lohnt sich, nicht aufzugeben, auch wenn sich wenig zu bewegen scheint. Das, was sich bewegt, ist oft nicht sofort sichtbar, denn es bewegt sich in den Herzen. Selbstbestimmt leben bedeutet nämlich in erster Linie, seinem Herzen zu folgen, ganz egal, was andere davon halten. Zu tun, was getan werden muss. Mutig sein und manchmal auch nicht brav. Dinge trotzdem zu tun, auch wenn das Gesetz dafür noch nicht existiert. Vorleben, was möglich sein könnte. Wir brauchen Vorbilder, Menschen, die heute und jetzt leben und sich einsetzen für eine gerechte Welt.
Ich möchte an dieser Stelle auch nochmal an den Film "Unter Wasser atmen - das zweite Leben des Dr. Nils Jent" erinnern. In diesem Dokumentarfilm wird vor allem eines deutlich: Wieviel man erreichen kann, wenn man die Normen durchbricht und seinem ureigenen Weg folgt. Nils Jent hat schon vor 36 Jahren Inklusion eingefordert, wo es dieses Wort noch gar nicht gab. Das sollte uns alle ermutigen.

Verantwortung und Unterscheidungskraft - sie gehen Hand in Hand


Heute vor 918 Jahren wurde Hildegard von Bingen geboren. Das möchte ich zum Anlass nehmen, über zwei Themen zu schreiben, die Hildegard wichtig waren:
Die Unterscheidungskraft und die Verantwortung.

Die Informationsflut, der wir heutzutage ausgesetzt sind, ist so enorm, dass es eigentlich nicht möglich ist, sich über die verschiedensten Themen wirklich eine Meinung zu bilden. Das hört sich widersprüchlich an, aber aufgrund von zu viel Information aus zu vielen Quellen, schafft es unser Geist kaum noch, etwas Sinnvolles zu filtern, geschweige denn, damit in eine gesunde Resonanz zu kommen. Ich beobachte (manchmal auch bei mir selbst), dass man sich oft einfach nur einer Meinung, die einem gerade sinnvoll erscheint, anschließt. Man bläst ins selbe Horn wie diejenigen, mit denen man sich einigermaßen verbündet fühlt.

Was ist gut, was ist schlecht?
Wie kann ich unterscheiden?
Ich soll, heißt es in gewissen Kreisen, nicht urteilen.
Muss ich nicht Haltung zeigen?

Der Mensch, so Hildegard, wurde von Gott ausgewählt, die Verantwortung für diese Erde, also für unsere Lebenswelt zu tragen. "Machet euch die Erde untertan" übersetzt Hildegard mit: "Tragt die Verantwortung für diese Schöpfung. Dafür gebe ich euch den freien Willen und die Unterscheidungskraft, sowie Intelligenz und Vernunft."
Verantwortung und Unterscheidungskraft sind eng miteinander verbunden, sie bedingen einander. Ich kann nicht verantwortlich handeln, wenn ich nicht unterscheiden kann, was gut ist und was schlecht. Und dennoch ist die Unterscheidungskraft viel viel mehr, als nur schwarzweiss sehen. Denn was für den Einen gut sein kann, ist für den Anderen schlecht.
Deshalb funktionieren pauschale Lösungen nie wirklich. Menschen sind verschieden und wir müssen uns tatsächlich immer wieder von Fall zu Fall, von Mensch zu Mensch neu entscheiden, müssen lernen zu unterscheiden, ohne in stereotypische Haltungen und Meinungen zu verfallen.
Wie geht das?
Es führt nichts, aber auch gar nichts an der Begegnung von Mensch zu Mensch vorbei. Vergesst Facebook, Twitter, Social Media - sie ersetzen euch nicht die echte menschliche Beziehung. Denn nur im Zwischenmenschlichen, wo sich zwei Menschen in die Augen sehen, geschieht das, wonach wir uns alle zutiefst sehnen: Resonanz, Verbundenheit.
Ich sehe immer wieder rührselige Videos und Geschichtchen im Internet, was fleißig weitergeleitet wird, weil es ach so berührt hat. Lasst euch von dieser Art künstlich hergestellter Gefühle nicht täuschen. Sie sind nur billiger Ersatz für eure Sehnsucht nach echten Erlebnissen, nach Nähe, nach Liebe, nach Mitgefühl.
Wir dürfen nicht verlernen, uns wahrhaft zu begegnen, uns echt zu berühren, deine Hand in meiner, dein Blick in meinem. Nur dann lernen wir einander verstehen, lernen zu unterscheiden, empfinden wir Verantwortung für uns selbst und den Anderen, der Teil ist dieser Schöpfung, dieser Welt.

Ich trage keinen großen Namen


Momentan fühle ich mich wie ein lebendes Fragezeichen. Wo man hinschaut, wenn man hinschaut, sind Potenziale, Ressourcen, Möglichkeiten, und dennoch werden sie nicht genutzt. Brachliegende Kraftquellen, die untergehen im Wust von Angst und Hysterie.
Was zu tun wäre, um junge Menschen oder überhaupt Menschen den Sinn und Wert ihres Daseins erfahren zu lassen, darüber sind sich Künstler und Psychologen einig. Ihre Angebote sind allerdings selten marktschreierisch und nicht mit sofortiger Wirkung. Es braucht Zeit, Geduld und Vertrauen. Alles das, was weder in Politik noch Wirtschaft genug vorhanden ist.
Ich kenne einige Künstler (einschließlich mich selbst), die für wenig Geld (ja, manchmal nicht mal den Lebensunterhalt deckend) mit ihrer Arbeit enorm viel bewirken. Vor etlichen Jahren arbeitete ich nur zweimal an einem Vormittag mit jugendlichen Schülern, die wirklich problematisch waren, weil sie wenig Zukunft sehen konnten. Wir erforschten gemeinsam die Körpersprache, beschäftigten uns mit Breakdance und was es bedeutet, wenn man sich in die Augen sieht. Nur diese zwei Vormittage veränderten die Wahrnehmung der Klasse zum Positiven - für eine nachhaltige Wirkung hätte es aber eine kontinuierliche Arbeit gebraucht.
Nach Winnenden bot ich damals meine Arbeit an, wurde abgelehnt, da man nach einem Schauspieler suchte, der einen Namen hatte und mit Schülern ein Stück einstudieren würde. Nur dann würden Gelder dafür locker gemacht. Wichtig ist dann auch, dass man schnell ein Ergebnis sieht. Spender wollen sehen, wo ihr Geld bleibt. Auf diese Weise bleibt aber ein großer Teil der Potenziale auf der Strecke.
Meine Freundin, die Clownin, meine Freundin, die Malerin und ich: wir arbeiten mit viel Optimismus und Engagement weiter. Doch da wir keinen großen Namen tragen, bleibt unsere Arbeit oft eine Perle im Heuhaufen.
Es gibt ein paar wenige Menschen mit großem Namen, die ihre Popularität zur Verfügung stellen, um denen, die weniger berühmt sind ein Feld zu bieten, ihre wertvolle Arbeit zu streuen. Diese Menschen, die gewohnt sind, selbst im Mittelpunkt zu stehen, lenken nun den Scheinwerfer auf andere. Weniger egozentrisch zu handeln und sich mehr für die Sache einsetzen, herauszufinden, was man selbst zu geben hat und wie wir zusammen mehr erreichen können, darum geht es jetzt in dieser unserer Zeit mehr als je zuvor.

Meine schmerzhaften Grenzen


Manchmal geht es einfach nicht. Obwohl ich mich seit vielen Jahren mit Kommunikation beschäftige und von mir denke, dass ich auf die unterschiedlichsten Menschen eingehen kann, offen bin, Toleranz als etwas Selbstverständliches sehe, scheitere ich bei manchen Begegnungen kläglich. Jetzt könnte man meinen, das sind möglicherweise Menschen, die extreme Meinungen vertreten, aber das ist es nicht. Es gibt einfach hin und wieder Menschen, mit denen ich aus unerfindlichen Gründen keine gemeinsame Sprache finde - obwohl wir doch dieselbe Sprache sprechen.
In nahen Beziehungen kommen ja auch oft Auseinandersetzungen vor, die sich als Herausforderung stellen, weil man plötzlich denkt, den Menschen, den man liebt, gar nicht mehr zu kennen. Aber in diesen Fällen gibt es (zumindest bei mir) immer ein Happy End, denn Liebe verbindet auch die größten Unterschiede.
Nur kann man ja nicht jeden Menschen lieben. Man kann vielleicht eine Liebe für die Menschen allgemein haben, aber im Einzelnen wird es mitunter schwierig. Ich möchte eigentlich Harmonie, möchte verstanden werden, einfach angenommen werden und verhalte mich zickig oder unnötig bockig, wenn ich mich vom Gegenüber nicht angenommen fühle. Dabei will vermutlich der Andere auch nichts weiter, als Verständnis und Angenommensein. Ich müsste ihm also nur entgegen kommen. Aber es will mir einfach nicht gelingen. 
Woran liegt es? Ich grüble. Es hat vermutlich überhaupt nichts mit der Person des Gegenübers zu tun, sondern schlicht und ergreifend mit etwas, das er bei mir triggert und in mir eine tiefe Unsicherheit auslöst. Fühle ich mich bedroht? Von was? Es nützt mir nichts, weiter in Widerstand mit diesem Menschen zu gehen, ich muss bei mir selbst schauen. Erkennen, dass der Dämon in mir sitzt und eigentlich müsste ich dann diesen Dämon sanft in die Arme nehmen und ihm sagen, dass es keinen Grund gibt, Angst zu haben. Doch so weit bin ich noch nicht. Aber ich arbeite dran.

Literiki - lass dich wecken mit Geschichten



Seit ich auf dem Land wohne, stehe ich mit den Hühnern auf. Ich brauche seit Jahren keinen Wecker mehr, da ich von selbst aufwache. So ist mir Literiki entgangen, die App zum Aufwachen mit heiteren Geschichten für einen positiven Start in den Tag.
Wer noch nicht weiß, was Apps sind: Kleine Programme für das IPhone oder Smartphone. Inzwischen gibt es das auch bei Windows für den normalen PC. Apps sind unterhaltsam, praktisch, manche schon nicht mehr wegzudenken. Man kann Radio hören, Texte schreiben, navigiert werden, Rezeptbücher erstellen, Notizbücher anlegen, Wetter abrufen, Räume ausmessen... und und und.
Natürlich gibt es auch Apps, die Wecker sind. Aber Literiki ist die einzige, die mit Geschichten weckt.
Viele unterschiedliche Autorinnen und Autoren aus dem deutschsprachigen Raum sind mit ihren Kurzgeschichten vertreten. Eine Episode darf nicht länger als 3 Minuten dauern, was schon eine kleine Herausforderung ist, denn es soll ja nicht nur ein Ausschnitt sein.
Als ich gefragt wurde, ob ich den morgendlichen Geschichten meine Stimme leihen wolle, habe ich erfreut zugesagt. Nun wird man mich ab September hören und hoffentlich angenehm von mir geweckt werden.

Die Kraft der gesprochenen Worte


Dieser Tage erreichte mich eine Nachricht aus USA, betreffend meines Podcasts "Wortmagie", auf dem ich einige mir sehr wertvolle Texte selbst spreche. Der Schreiber postete mir ein Bild von Himmler mit der Frage, was denn an der deutschen Sprache so magisch wäre.
 
Was soll man so einem Menschen antworten? Am besten nichts.
Ich möchte aber gern an dieser Stelle ein paar meiner deutschsprachigen LieblingsdichterInnen nennen, deren Worte für mich, besonders wenn sie laut gesprochen werden, eine magische Kraft der Liebe für das Leben und für den Frieden freisetzen. Die Reihenfolge ist intuitiv:

Ingeborg Bachmann
Hilde Domin
Gertrud Kolmar
Selma Meerbaum-Eisinger
Bertold Brecht
Erich Kästner
Rainer Maria Rilke
Nelly Sachs
Dietrich Bonhoeffer
Gottfried Benn
Else Lasker-Schüler
Ulla Hahn

... um nur einige zu nennen. Sie alle waren und sind "Dichter in der Welt" - wie Ulla Hahn es so treffend ausdrückt. Denn wer seine Worte verdichtet, sie auf das Wesentliche komprimiert, der ist tatsächlich näher in und an der Welt.

Am 7. Mai werde ich wieder einen Workshop geben, in dem es um die Magie der Worte geht und wie man aus sich selbst heraus zu den eigenen Worten der Kraft findet.
Worte haben eine besondere Kraft. Wir spüren das in Gebeten, Mantren und Liedern. Auch Dichter und Dichterinnen wissen um diese Kraft des gesprochenen Wortes. Auf der Suche nach der Sprache der Seele wird immer klarer, dass das Wort nicht nur eine Aneinanderreihung von Buchstaben ist. Das gesprochene Wort ist lebendig wie Musik und bewegt uns. In meiner Arbeit möchte ich die ganzheitliche Wirkung von Worten und Sprache vermitteln, denn Sprache, Stimme und Körper haben einen gemeinsamen Rhythmus. Anhand von Gedichten erfahren wir die Sinnhaftigkeit der Sprache und Worte mit allen Sinnen. Atem-, Körper- und Stimmarbeit helfen uns dabei. So fällt es uns leichter, dem gesprochenen Wort Ausdruck und Tiefe zu verleihen. 
Sa, 07.05. 10 - 17 Uhr in Offenburg, Anmeldung und Info: www.eeb-ortenau.de


Das Leben bedingungslos lieben lernen


Ich bin Pfarrerstochter und schon früh mit dem "Geopferten Lamm Gottes" in Berührung gekommen. Wegen meiner unüblichen Auffassung von Gott und Jesus, kam ich im Religionsunterricht mit meinen Lehrern immer mal wieder in Konflikt. Bis heute übersetze ich "Gott", "Herr" und "Vater". mit "Liebe", weil für mich Gott eben Liebe ist und sonst nichts. Die einzige "Sünde", die es gibt, ist meiner Meinung nach, nicht genug in der Liebe zu sein. Immer in der Liebe zu sein kann uns leider nicht gelingen, wir sind ja nicht Jesus. Zwar versuche ich anzustreben, meinen Nächsten wie mich selbst zu lieben, aber es scheitert ja schon an der Selbstliebe! Man muss sich selbst verzeihen können und als Mensch in seiner Unvollkommenheit annehmen lernen.
"Erlösung" erfahren wir Menschen durch Christus, der über den Tod hinaus Liebe aussendete und auch die Kraft der bedingungslosen Liebe diejenigen spüren ließ, die ihn fanden: Maria Magdalena zum Beispiel. Dass Gott in Jesus Mensch wurde, betrifft also nicht Jesus allein. Maria und Maria Magdalena tragen ebenso die Christusenergie in sich.
Die ganze Christusgeschichte geht ohne Judas nicht auf. Ohne den Verräter hätte sich die Geschichte  nicht vermitteln können. Es ist wie in einem großen Drama, jeder der Protagonisten hat seine Berechtigung und ist wichtig für die Botschaft. Die Christusgeschichte ist für mich zutiefst mystisch. Jesus hat sich nicht geopfert, und wurde nicht geopfert, er hat sich hingegeben. "Ich bin die Auferstehung und das Leben" bedeutet,  das Leben so sehr lieben lernen, dass wir immer wieder neu aufstehen und uns durch nichts Angst machen lassen.
"Erlöst" werde ich also, indem ich in die  Liebe vertraue, und darauf, dass ich so wie ich bin richtig bin, solange ich nur weiss, dass der einzig erstrebenswerte Sinn meines Daseins darin liegt, zu lieben und Liebe empfangen zu können. Das Symbol dafür finde ich persönlich nicht im Kreuz, vielmehr ist es für mich eine Spirale - einer endlosen Umarmung gleich, die mich trägt.

Mitgefühl - eine Frage der Selbstannahme?


Seit einiger Zeit möchte ich über dieses Thema schreiben, doch wollte es nicht so recht gelingen. Meine Tastatur, mein Bildschirm - sie schienen dieses komplexe Thema nicht annehmen zu wollen, oder etwas in mir spürte, dass ich dazu von Hand schreiben muss. Es wird etwas länger, als üblich, ich hoffe, ihr bleibt dran.
 
Ich beginne bei einer Szene sehr früh in meiner Kindheit. Etwa drei Jahre alt muss ich gewesen sein. Was davor oder danach war, erinnere ich nicht mehr, aber dass ich auf einer nassen Wiese stand, ist mir deutlich vor Augen. Um mich herum im Kreis etwa fünf Kinder, alle älter und größer als ich.
Sie schubsten mich ins feuchte Gras und lachten dabei laut. Ich stand auf und sie schubsten mich abermals. Wieder stand ich auf, doch noch nicht mal ganz auf den Beinen, wurde ich erneut auf den Boden zurückgeworfen. Das höhnische Gelächter hallte in meinen Ohren. Mein Po war nass und tat weh. Ich war sehr wütend. Wieder und wieder versuchte ich aufzustehen und wegzulaufen, doch jedesmal wurde ich umgeworfen. Meine Wut wandelte sich in schiere Verzweiflung, in hoffnungslose Ohnmacht, der Boden unter meinen Füßen schien sich aufzulösen und Tränen rannen über mein Gesicht. Die Kinder lachten, als wären sie in einem Buster Keaton Film. Es schien endlos so weiterzugehen. Wann es aufhörte, weiß ich nicht mehr. Geblieben ist jedoch die Erinnerung an den kalten, nassen, schmerzenden Po, verbunden mit einer unaussprechlichen Ohnmacht, die sich über Geist und Seele gelegt hatte, wie ein schwerer Teppich. Ein Gefühl, das bis heute jederzeit abrufbar ist.
...und dennoch...
Einige Jahre später gab es eine ganz andere Szene. Vom Land in die Stadt gezogen, spielten wir Kinder nicht mehr im Garten, sondern in einem Hinterhof. Unter den Nachbarskindern gab es einen Jungen mit Downsyndrom. Weder kannten wir dieses Wort, noch wussten wir, was das war. Wir bemerkten nur, dass Norman anders war. Es belustigte uns, dass seine Mutter ihm immernoch Strampelhosen anzog, obwohl er sechs Jahre alt war. Er war so alt wie wir und benahm sich aus unserer Sicht "bescheuert". Norman wollte immer mitspielen, aber ich fand, dass er ein Spielverderber war, weil er keine Spielregel verstand. Manchmal heulte oder schrie er grundlos und irgendwann gab ich ihm eine schallende Ohrfeige und sagte: Mit dir spielen wir nicht!
Im selben Moment wurde mir klar, dass ich etwas ganz Schlimmes getan hatte, was absolut nicht in Ordnung war. Mir wurde schrecklich heiss. Norman rannte heulend weg mit den Worten: Das sag ich meiner Mama!
Scham überflutete mich, ich wollte nur noch unsichtbar sein und stolperte in das 5-stöckige Mietshaus, rannte die Treppen hoch bis zum Speicher, wo ich mich in einer dunklen Ecke versteckte. Im Treppenhaus hörte ich die Mutter von Norman bei uns klingeln. Sie erzählte meiner Mutter, was ich getan hatte und mir wurde schlecht. Meine Mutter stellte mich später zur Rede: Hast du das wirklich getan? Ich antwortete: Nein, das war ich nicht.
 
Nun bin ich Schauspielerin geworden und dieser Beruf lebt davon, sich einfühlen zu können. Wenn mir jemand sagt: "Sowas kann man sich nicht vorstellen, wenn man es selbst nicht erlebt hat.", halte ich das stets für eine Verweigerung, sich auf Mitgefühl einzulassen, bzw. seinem Gegenüber Mitgefühl zuzugestehen. Für Mitgefühl bedarf es ein hohes Maß an Eigenreflektion, an Selbstakzeptanz, an Selbstliebe, sowie die Fähigkeit, erfahrene Emotionen wiederzubeleben. "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst", ist eine große Aufgabe, weil wir uns anschauen müssen in unserer ganzen Unvollkommenheit, mit all unserer Angst und unseren Schatten. Mich dem Mitgefühl, also auch der Selbstliebe zu verweigern, führt mich direkt in eine Täterrolle, in eine Übergriffigkeit. Sie gaukelt mir vor, stark zu sein, vertuscht, dass ich nicht die Größe habe, mich meinen eigenen Schwächen und Ängsten zu stellen und erspart mir den Frust, den eine Opferrolle mit sich bringen könnte.
Mein Beruf fordert mich täglich heraus, mich meiner Intoleranz zu stellen. Mein Machtanspruch, der genauso geltungssüchtig ist, wie meine Liebe und Hilfsbereitschaft es nicht sind. Ich bin beides. Ich versuche beide Seiten in mir zu verstehen und anzunehmen. Der Schauspielerberuf braucht geradezu diese Gabe. Nur dann bin ich fähig ein Opfer wie einen Täter zu spielen, zu sein.
In der Schauspielarbeit gibt es keine guten und schlechten Rollen. Wir brauchen diese unterschiedlichen Charaktere, damit das Stück gespielt werden kann. Dazu muss ich meine Rolle ständig befragen, um zu verstehen.
Und so ist es mit dem Mitgefühl. Um zu verstehen, muss ich fragen und mich dabei meiner eigenen Gefühlswelt öffnen, sie ansehen und nachforschen. Was sind meine wahren Beweggründe für mein Fühlen und Handeln? Wir brauchen eine tiefe Verbundenheit zu uns selbst, ohne uns dabei für den Nabel des Universums zu halten. Nur zu fordern, dass der andere mich verstehen muss, genügt nicht. Ich muss auch den anderen verstehen lernen, so unmöglich das scheint. Doch mein eigener Schatten hilft mir dabei. In diesem Sinne wünsche ich mir für uns alle im Umgang mit den derzeitigen gesellschaftlichen Veränderungen mehr Mut zum SELBST - BEWUSSTSEIN.