Wohin geht es? - Eine Spurensuche


Nur allzu oft passiert es: Wir stehen da und wissen nicht, wie es weitergehen soll. Irgendwas stockt, irgendwas hemmt. Eine neue Lebensphase beginnt häufig mit Ratlosigkeit. Alte Gewohnheiten werden gebrochen, die Umorientierung fällt schwer. Nicht immer gelingt es ganz allein für sich selbst herauszufinden, welchen Schritt man als nächstes tun soll und wie. Man hofft auf eine Eingebung.
Mir kam das Glück zu Hilfe: Ich traf vor einigen Wochen die Heilpraktikerin und Heilerin Ingrid Weber, die nur wenige Kilometer von meinem kleinen Seminarhaus ihre Praxis und ihr Heilungszentrum hat. Sie hatte die Schauspielerin Ruth Maria Kubitschek eingeladen in ihren Räumen in Aulendorf eine Meditation anzuleiten. Ruth Maria Kubitschek beschäftigt sich schon lange mit Meditation, jetzt umso mehr, seit sie sich von Film und Fernsehen zurückgezogen hat. Der Nachmittag war sehr anregend. Frau Kubitschek ist eine warmherzige Persönlichkeit mit einer frischen Direktheit und unaufdringlichen Lebensweisheit.
Ingrid Weber und ich kamen an diesem Nachmittag kurz ins Gespräch und stellten nach wenigen Minuten fest, dass wir uns gern näher kennenlernen möchten.
Dass es passt, merkte ich schon daran, dass es nicht bei Worten blieb, sondern wir uns bereits in den nächsten Tagen trafen und austauschten.
Und so entstand unsere erste Idee zu einem Nachmittagsworkshop, in dem jede von uns ihre Fähigkeiten einbringen wird und wir den Teilnehmerinnen Anregungen und Lebensfreude vermitteln wollen. Ich freue mich sehr auf den 17.09.

Wohin geht es? - Eine Spurensuche
Ein Workshop mit Petra Kopf und Ingrid Weber

Wo stehe ich in meiner jetzigen Lebensphase? Wo will ich hin? Was bewegt mich und was bewege ich? Was hilft mir auf meinem ureigenen Weg und lässt mich ankommen?

Antworten finden wir in den feinen Botschaften unseres Körpers und in der angeleiteten Meditation.

Sa, 17.09. von 16 bis 20 Uhr            Ort: Aulendorf, Bildstock 31, Heilpraxis Weber
Kosten: 50 €
Wer dabei sein will, den bitten wir, sich schon bald anzumelden. schreibe(at)petra-kopf.de
Gerne kann man hier den Flyer herunterladen und ausdrucken - und weitergeben. Danke!

PS: Wer Frau Kubitschek gerne auch live erleben möchte, der hat am 3.09. in der Heilpraxis Weber erneut Gelegenheit dazu!

Ich trage keinen großen Namen


Momentan fühle ich mich wie ein lebendes Fragezeichen. Wo man hinschaut, wenn man hinschaut, sind Potenziale, Ressourcen, Möglichkeiten, und dennoch werden sie nicht genutzt. Brachliegende Kraftquellen, die untergehen im Wust von Angst und Hysterie.
Was zu tun wäre, um junge Menschen oder überhaupt Menschen den Sinn und Wert ihres Daseins erfahren zu lassen, darüber sind sich Künstler und Psychologen einig. Ihre Angebote sind allerdings selten marktschreierisch und nicht mit sofortiger Wirkung. Es braucht Zeit, Geduld und Vertrauen. Alles das, was weder in Politik noch Wirtschaft genug vorhanden ist.
Ich kenne einige Künstler (einschließlich mich selbst), die für wenig Geld (ja, manchmal nicht mal den Lebensunterhalt deckend) mit ihrer Arbeit enorm viel bewirken. Vor etlichen Jahren arbeitete ich nur zweimal an einem Vormittag mit jugendlichen Schülern, die wirklich problematisch waren, weil sie wenig Zukunft sehen konnten. Wir erforschten gemeinsam die Körpersprache, beschäftigten uns mit Breakdance und was es bedeutet, wenn man sich in die Augen sieht. Nur diese zwei Vormittage veränderten die Wahrnehmung der Klasse zum Positiven - für eine nachhaltige Wirkung hätte es aber eine kontinuierliche Arbeit gebraucht.
Nach Winnenden bot ich damals meine Arbeit an, wurde abgelehnt, da man nach einem Schauspieler suchte, der einen Namen hatte und mit Schülern ein Stück einstudieren würde. Nur dann würden Gelder dafür locker gemacht. Wichtig ist dann auch, dass man schnell ein Ergebnis sieht. Spender wollen sehen, wo ihr Geld bleibt. Auf diese Weise bleibt aber ein großer Teil der Potenziale auf der Strecke.
Meine Freundin, die Clownin, meine Freundin, die Malerin und ich: wir arbeiten mit viel Optimismus und Engagement weiter. Doch da wir keinen großen Namen tragen, bleibt unsere Arbeit oft eine Perle im Heuhaufen.
Es gibt ein paar wenige Menschen mit großem Namen, die ihre Popularität zur Verfügung stellen, um denen, die weniger berühmt sind ein Feld zu bieten, ihre wertvolle Arbeit zu streuen. Diese Menschen, die gewohnt sind, selbst im Mittelpunkt zu stehen, lenken nun den Scheinwerfer auf andere. Weniger egozentrisch zu handeln und sich mehr für die Sache einsetzen, herauszufinden, was man selbst zu geben hat und wie wir zusammen mehr erreichen können, darum geht es jetzt in dieser unserer Zeit mehr als je zuvor.

Meine schmerzhaften Grenzen


Manchmal geht es einfach nicht. Obwohl ich mich seit vielen Jahren mit Kommunikation beschäftige und von mir denke, dass ich auf die unterschiedlichsten Menschen eingehen kann, offen bin, Toleranz als etwas Selbstverständliches sehe, scheitere ich bei manchen Begegnungen kläglich. Jetzt könnte man meinen, das sind möglicherweise Menschen, die extreme Meinungen vertreten, aber das ist es nicht. Es gibt einfach hin und wieder Menschen, mit denen ich aus unerfindlichen Gründen keine gemeinsame Sprache finde - obwohl wir doch dieselbe Sprache sprechen.
In nahen Beziehungen kommen ja auch oft Auseinandersetzungen vor, die sich als Herausforderung stellen, weil man plötzlich denkt, den Menschen, den man liebt, gar nicht mehr zu kennen. Aber in diesen Fällen gibt es (zumindest bei mir) immer ein Happy End, denn Liebe verbindet auch die größten Unterschiede.
Nur kann man ja nicht jeden Menschen lieben. Man kann vielleicht eine Liebe für die Menschen allgemein haben, aber im Einzelnen wird es mitunter schwierig. Ich möchte eigentlich Harmonie, möchte verstanden werden, einfach angenommen werden und verhalte mich zickig oder unnötig bockig, wenn ich mich vom Gegenüber nicht angenommen fühle. Dabei will vermutlich der Andere auch nichts weiter, als Verständnis und Angenommensein. Ich müsste ihm also nur entgegen kommen. Aber es will mir einfach nicht gelingen. 
Woran liegt es? Ich grüble. Es hat vermutlich überhaupt nichts mit der Person des Gegenübers zu tun, sondern schlicht und ergreifend mit etwas, das er bei mir triggert und in mir eine tiefe Unsicherheit auslöst. Fühle ich mich bedroht? Von was? Es nützt mir nichts, weiter in Widerstand mit diesem Menschen zu gehen, ich muss bei mir selbst schauen. Erkennen, dass der Dämon in mir sitzt und eigentlich müsste ich dann diesen Dämon sanft in die Arme nehmen und ihm sagen, dass es keinen Grund gibt, Angst zu haben. Doch so weit bin ich noch nicht. Aber ich arbeite dran.

Literiki - lass dich wecken mit Geschichten



Seit ich auf dem Land wohne, stehe ich mit den Hühnern auf. Ich brauche seit Jahren keinen Wecker mehr, da ich von selbst aufwache. So ist mir Literiki entgangen, die App zum Aufwachen mit heiteren Geschichten für einen positiven Start in den Tag.
Wer noch nicht weiß, was Apps sind: Kleine Programme für das IPhone oder Smartphone. Inzwischen gibt es das auch bei Windows für den normalen PC. Apps sind unterhaltsam, praktisch, manche schon nicht mehr wegzudenken. Man kann Radio hören, Texte schreiben, navigiert werden, Rezeptbücher erstellen, Notizbücher anlegen, Wetter abrufen, Räume ausmessen... und und und.
Natürlich gibt es auch Apps, die Wecker sind. Aber Literiki ist die einzige, die mit Geschichten weckt.
Viele unterschiedliche Autorinnen und Autoren aus dem deutschsprachigen Raum sind mit ihren Kurzgeschichten vertreten. Eine Episode darf nicht länger als 3 Minuten dauern, was schon eine kleine Herausforderung ist, denn es soll ja nicht nur ein Ausschnitt sein.
Als ich gefragt wurde, ob ich den morgendlichen Geschichten meine Stimme leihen wolle, habe ich erfreut zugesagt. Nun wird man mich ab September hören und hoffentlich angenehm von mir geweckt werden.

Die Kraft der gesprochenen Worte


Dieser Tage erreichte mich eine Nachricht aus USA, betreffend meines Podcasts "Wortmagie", auf dem ich einige mir sehr wertvolle Texte selbst spreche. Der Schreiber postete mir ein Bild von Himmler mit der Frage, was denn an der deutschen Sprache so magisch wäre.
 
Was soll man so einem Menschen antworten? Am besten nichts.
Ich möchte aber gern an dieser Stelle ein paar meiner deutschsprachigen LieblingsdichterInnen nennen, deren Worte für mich, besonders wenn sie laut gesprochen werden, eine magische Kraft der Liebe für das Leben und für den Frieden freisetzen. Die Reihenfolge ist intuitiv:

Ingeborg Bachmann
Hilde Domin
Gertrud Kolmar
Selma Meerbaum-Eisinger
Bertold Brecht
Erich Kästner
Rainer Maria Rilke
Nelly Sachs
Dietrich Bonhoeffer
Gottfried Benn
Else Lasker-Schüler
Ulla Hahn

... um nur einige zu nennen. Sie alle waren und sind "Dichter in der Welt" - wie Ulla Hahn es so treffend ausdrückt. Denn wer seine Worte verdichtet, sie auf das Wesentliche komprimiert, der ist tatsächlich näher in und an der Welt.

Am 7. Mai werde ich wieder einen Workshop geben, in dem es um die Magie der Worte geht und wie man aus sich selbst heraus zu den eigenen Worten der Kraft findet.
Worte haben eine besondere Kraft. Wir spüren das in Gebeten, Mantren und Liedern. Auch Dichter und Dichterinnen wissen um diese Kraft des gesprochenen Wortes. Auf der Suche nach der Sprache der Seele wird immer klarer, dass das Wort nicht nur eine Aneinanderreihung von Buchstaben ist. Das gesprochene Wort ist lebendig wie Musik und bewegt uns. In meiner Arbeit möchte ich die ganzheitliche Wirkung von Worten und Sprache vermitteln, denn Sprache, Stimme und Körper haben einen gemeinsamen Rhythmus. Anhand von Gedichten erfahren wir die Sinnhaftigkeit der Sprache und Worte mit allen Sinnen. Atem-, Körper- und Stimmarbeit helfen uns dabei. So fällt es uns leichter, dem gesprochenen Wort Ausdruck und Tiefe zu verleihen. 
Sa, 07.05. 10 - 17 Uhr in Offenburg, Anmeldung und Info: www.eeb-ortenau.de


Das Leben bedingungslos lieben lernen


Ich bin Pfarrerstochter und schon früh mit dem "Geopferten Lamm Gottes" in Berührung gekommen. Wegen meiner unüblichen Auffassung von Gott und Jesus, kam ich im Religionsunterricht mit meinen Lehrern immer mal wieder in Konflikt. Bis heute übersetze ich "Gott", "Herr" und "Vater". mit "Liebe", weil für mich Gott eben Liebe ist und sonst nichts. Die einzige "Sünde", die es gibt, ist meiner Meinung nach, nicht genug in der Liebe zu sein. Immer in der Liebe zu sein kann uns leider nicht gelingen, wir sind ja nicht Jesus. Zwar versuche ich anzustreben, meinen Nächsten wie mich selbst zu lieben, aber es scheitert ja schon an der Selbstliebe! Man muss sich selbst verzeihen können und als Mensch in seiner Unvollkommenheit annehmen lernen.
"Erlösung" erfahren wir Menschen durch Christus, der über den Tod hinaus Liebe aussendete und auch die Kraft der bedingungslosen Liebe diejenigen spüren ließ, die ihn fanden: Maria Magdalena zum Beispiel. Dass Gott in Jesus Mensch wurde, betrifft also nicht Jesus allein. Maria und Maria Magdalena tragen ebenso die Christusenergie in sich.
Die ganze Christusgeschichte geht ohne Judas nicht auf. Ohne den Verräter hätte sich die Geschichte  nicht vermitteln können. Es ist wie in einem großen Drama, jeder der Protagonisten hat seine Berechtigung und ist wichtig für die Botschaft. Die Christusgeschichte ist für mich zutiefst mystisch. Jesus hat sich nicht geopfert, und wurde nicht geopfert, er hat sich hingegeben. "Ich bin die Auferstehung und das Leben" bedeutet,  das Leben so sehr lieben lernen, dass wir immer wieder neu aufstehen und uns durch nichts Angst machen lassen.
"Erlöst" werde ich also, indem ich in die  Liebe vertraue, und darauf, dass ich so wie ich bin richtig bin, solange ich nur weiss, dass der einzig erstrebenswerte Sinn meines Daseins darin liegt, zu lieben und Liebe empfangen zu können. Das Symbol dafür finde ich persönlich nicht im Kreuz, vielmehr ist es für mich eine Spirale - einer endlosen Umarmung gleich, die mich trägt.

Mitgefühl - eine Frage der Selbstannahme?


Seit einiger Zeit möchte ich über dieses Thema schreiben, doch wollte es nicht so recht gelingen. Meine Tastatur, mein Bildschirm - sie schienen dieses komplexe Thema nicht annehmen zu wollen, oder etwas in mir spürte, dass ich dazu von Hand schreiben muss. Es wird etwas länger, als üblich, ich hoffe, ihr bleibt dran.
 
Ich beginne bei einer Szene sehr früh in meiner Kindheit. Etwa drei Jahre alt muss ich gewesen sein. Was davor oder danach war, erinnere ich nicht mehr, aber dass ich auf einer nassen Wiese stand, ist mir deutlich vor Augen. Um mich herum im Kreis etwa fünf Kinder, alle älter und größer als ich.
Sie schubsten mich ins feuchte Gras und lachten dabei laut. Ich stand auf und sie schubsten mich abermals. Wieder stand ich auf, doch noch nicht mal ganz auf den Beinen, wurde ich erneut auf den Boden zurückgeworfen. Das höhnische Gelächter hallte in meinen Ohren. Mein Po war nass und tat weh. Ich war sehr wütend. Wieder und wieder versuchte ich aufzustehen und wegzulaufen, doch jedesmal wurde ich umgeworfen. Meine Wut wandelte sich in schiere Verzweiflung, in hoffnungslose Ohnmacht, der Boden unter meinen Füßen schien sich aufzulösen und Tränen rannen über mein Gesicht. Die Kinder lachten, als wären sie in einem Buster Keaton Film. Es schien endlos so weiterzugehen. Wann es aufhörte, weiß ich nicht mehr. Geblieben ist jedoch die Erinnerung an den kalten, nassen, schmerzenden Po, verbunden mit einer unaussprechlichen Ohnmacht, die sich über Geist und Seele gelegt hatte, wie ein schwerer Teppich. Ein Gefühl, das bis heute jederzeit abrufbar ist.
...und dennoch...
Einige Jahre später gab es eine ganz andere Szene. Vom Land in die Stadt gezogen, spielten wir Kinder nicht mehr im Garten, sondern in einem Hinterhof. Unter den Nachbarskindern gab es einen Jungen mit Downsyndrom. Weder kannten wir dieses Wort, noch wussten wir, was das war. Wir bemerkten nur, dass Norman anders war. Es belustigte uns, dass seine Mutter ihm immernoch Strampelhosen anzog, obwohl er sechs Jahre alt war. Er war so alt wie wir und benahm sich aus unserer Sicht "bescheuert". Norman wollte immer mitspielen, aber ich fand, dass er ein Spielverderber war, weil er keine Spielregel verstand. Manchmal heulte oder schrie er grundlos und irgendwann gab ich ihm eine schallende Ohrfeige und sagte: Mit dir spielen wir nicht!
Im selben Moment wurde mir klar, dass ich etwas ganz Schlimmes getan hatte, was absolut nicht in Ordnung war. Mir wurde schrecklich heiss. Norman rannte heulend weg mit den Worten: Das sag ich meiner Mama!
Scham überflutete mich, ich wollte nur noch unsichtbar sein und stolperte in das 5-stöckige Mietshaus, rannte die Treppen hoch bis zum Speicher, wo ich mich in einer dunklen Ecke versteckte. Im Treppenhaus hörte ich die Mutter von Norman bei uns klingeln. Sie erzählte meiner Mutter, was ich getan hatte und mir wurde schlecht. Meine Mutter stellte mich später zur Rede: Hast du das wirklich getan? Ich antwortete: Nein, das war ich nicht.
 
Nun bin ich Schauspielerin geworden und dieser Beruf lebt davon, sich einfühlen zu können. Wenn mir jemand sagt: "Sowas kann man sich nicht vorstellen, wenn man es selbst nicht erlebt hat.", halte ich das stets für eine Verweigerung, sich auf Mitgefühl einzulassen, bzw. seinem Gegenüber Mitgefühl zuzugestehen. Für Mitgefühl bedarf es ein hohes Maß an Eigenreflektion, an Selbstakzeptanz, an Selbstliebe, sowie die Fähigkeit, erfahrene Emotionen wiederzubeleben. "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst", ist eine große Aufgabe, weil wir uns anschauen müssen in unserer ganzen Unvollkommenheit, mit all unserer Angst und unseren Schatten. Mich dem Mitgefühl, also auch der Selbstliebe zu verweigern, führt mich direkt in eine Täterrolle, in eine Übergriffigkeit. Sie gaukelt mir vor, stark zu sein, vertuscht, dass ich nicht die Größe habe, mich meinen eigenen Schwächen und Ängsten zu stellen und erspart mir den Frust, den eine Opferrolle mit sich bringen könnte.
Mein Beruf fordert mich täglich heraus, mich meiner Intoleranz zu stellen. Mein Machtanspruch, der genauso geltungssüchtig ist, wie meine Liebe und Hilfsbereitschaft es nicht sind. Ich bin beides. Ich versuche beide Seiten in mir zu verstehen und anzunehmen. Der Schauspielerberuf braucht geradezu diese Gabe. Nur dann bin ich fähig ein Opfer wie einen Täter zu spielen, zu sein.
In der Schauspielarbeit gibt es keine guten und schlechten Rollen. Wir brauchen diese unterschiedlichen Charaktere, damit das Stück gespielt werden kann. Dazu muss ich meine Rolle ständig befragen, um zu verstehen.
Und so ist es mit dem Mitgefühl. Um zu verstehen, muss ich fragen und mich dabei meiner eigenen Gefühlswelt öffnen, sie ansehen und nachforschen. Was sind meine wahren Beweggründe für mein Fühlen und Handeln? Wir brauchen eine tiefe Verbundenheit zu uns selbst, ohne uns dabei für den Nabel des Universums zu halten. Nur zu fordern, dass der andere mich verstehen muss, genügt nicht. Ich muss auch den anderen verstehen lernen, so unmöglich das scheint. Doch mein eigener Schatten hilft mir dabei. In diesem Sinne wünsche ich mir für uns alle im Umgang mit den derzeitigen gesellschaftlichen Veränderungen mehr Mut zum SELBST - BEWUSSTSEIN.

Lissabon - zwischen Glück und Melancholie


Einen fremden Ort kennenzulernen, ist im Grunde ähnlich, wie einen Menschen kennenlernen. Um wirklich den Ort zu erfassen, braucht es Jahre. Als ich letztes Jahr für zwei Tage in Lissabon war, nahm ich mir vor, zurückzukehren, um dieser Stadt ein wenig näher zu kommen.
Nun waren wir dort, Lone und ich, eine knappe Woche. Mit Lone zu reisen ist natürlich doppelt spannend. Die Eindrücke sind tief, am Ende waren wir ziemlich erschöpft und das kam nicht nur vom kilometerlangen Gehen über alle Höhen und Tiefen, die diese Stadt im wahrsten Sinne des Wortes bietet. Hier gibt es so viele Gegensätze. Wirkt die Stadt erst freundlich, hell und strahlend, kann sie dich, um die nächste Ecke gebogen, schon morbid, düster und grimmig anmuffeln. Doch das dauert nicht lange. Viel zu farbig und lichtvoll ist es und überall locken wundervolle Aussichtspunkte, die Lissabon  im Ganzen zeigen, mit aller Farbigkeit und Vielfalt. Es gibt hochmoderne Gebäudekomplexe, die mit teuren Geschäften locken, für die es jedoch kaum Kunden zu geben scheint, dann wieder abgeblätterte, alte, nahezu verfallene Häuser mit winzigen kleinen Läden und Pastelerias (ich sag nur: Kuchen, Kuchen, Kuchen!). Hier findet das Leben statt, hier trinkt man Kaffee, plaudert und zieht weiter.
Wunderschön die Azulejos, die bunten Keramikfliesen an den Häuserfassaden, die das Licht so glitzernd und betörend reflektieren. Und jeden Tag strahlender Sonnenschein - wir hatten so ein Glück.
Es gab nur einen wirklich dunklen Moment: Beim Betreten einer Kirche spürten wir unabhängig voneinander ein ungutes Gefühl. Es war eine schlimme Beklemmung, ähnlich der wie ich sie hatte, als ich in Dachau das KZ besucht hatte. Es lag nicht daran, dass diese Kirche keinen Prunk bietet und bewusst nicht renoviert ist. Wir spürten, dass etwas sehr Düsteres und Unheimliches in ihrer Geschichte liegt. Erst später habe ich herausgefunden, dass dort die Inquisitionsurteile gefällt wurden und schlimmste Verbrechen begangen wurden. Wir hatten danach keine große Lust mehr, Kirchen zu besichtigen, obwohl es sehr prächtige davon in Lissabon geben muss.
Doch wenn man das einzigartige Licht dieser Stadt spürt, möchte man sowieso nur draußen sein und genießen. Die Menschen sind von ausgesprochener Freundlichkeit und Höflichkeit, auch wenn es vielen nicht so gut zu gehen scheint. Viele Obdachlose und Bettler humpeln durch die Gassen oder sitzen vor den Kirchen.
So pendelt man gefühlsmäßig zwischen Glück und Melancholie.
 

Den besten Schokoladenkuchen der Welt mit dem besten Mangoeis aller Zeiten haben wir im Mercado da Ribeira bekommen. Dazu einen starken Espresso, ölig und schwarz mit viel Zucker. Das war Glück pur. Lissabon - man müsste ein Jahr dort verbringen.

füreinander verschieden



Das neue Programmheft der Evangelischen Erwachsenenbildung Ortenau, kurz EEB, ist nun erschienen unter der Themenüberschrift "füreinander verschieden - verschieden füreinander". Mein Kurs am 7. Mai  beschäftigt sich mit der "Kraft der gesprochenen Worte". Worte sind eben nicht nur einfach Information, sondern haben auch tiefgreifende Bedeutung für unser ganzes Seelenleben. Nicht umsonst heißt es oft: Die Worte haben mich getroffen. Für mich sind die Worte "füreinander verschieden" besonders eindrücklich, weil soviel damit gesagt ist und sie mich im Inneren fühlen lassen, dass wir nur dann füreinander wirklich da sein können, wenn wir unsere Verschiedenheit wertschätzen, sie als Ressource begreifen und uns in einem wahrhaftigen Miteinander austauschen.

Wie wir in diesen Tagen vermehrt erleben, wird Miteinander oft falsch verstanden. Nicht die Gruppierung von Gleichdenkenden, die sich gegenseitig aufputschen und sich im künstlichen Selbstbewusstsein baden, ist damit gemeint. Es geht um ein aktives Zuhören, um Einfühlungsvermögen und den lebendigen Austausch verschiedener Meinungen und Lebensweisen. 
Das miteinander Sprechen ist wichtiger denn je, jedoch bringt es wenig, wenn man dazu Menschen einlädt, die nur eine Plattform für Propaganda und Polemik suchen, und nicht an einem echten Austausch interessiert sind. So meine ich auch nicht mit der Kraft der gesprochenen Worte, die Macht der Polemik und Manipulation, sondern, die Wahrhaftigkeit der Worte, die aus der Seele kommen. In meinem Kurs versuche ich auch den Unterschied zwischen Manipulation und Wahrhaftigkeit aufzuzeigen.

Was mich aber ganz besonders freut ist, dass die EEB am 9.06.2016 den Film „Unter Wasser atmen- daszweite Leben des Dr. Nils Jent“ in Offenburg zeigt. Dieser mehrfach preisgekrönte Dokumentarfilm war in den Schweizer Kinos 2012 zu sehen und ich bin seit einiger Zeit damit beschäftigt, ihn nun auch in Deutschland bekannt zu machen. Im Film wird das Thema Inklusion, und wie Inklusion gelingen kann, anschaulich und teilweise sehr bewegend verdeutlicht. Zuletzt haben Nils Jent und ich im November in Berlin auf dem internationalen Kongress der Heilpädagogen gemeinsam einen Vortrag gehalten und sind auf Fragen und Diskussionspunkte der Zuschauer (die am Abend vorher den Film gesehen hatten) eingegangen.
Die vielen positiven Feedbacks haben uns ermutigt, eine solche Veranstaltung zu wiederholen. Das Thema ist nicht nur im Hinblick auf Menschen mit Behinderung wichtig, sondern genauso für uns im Umgang mit den Migranten. Das Miteinander leben – wo ist das nicht gefragt?
Es ist mir deshalb eine große Freude, dass Pfarrerin Claudia Roloff, Leiterin der Evangelischen Erwachsenenbildung in Offenburg, sich mit enormem Engagement und Organisationstalent dafür einsetzte, dass einerseits am 9.06. der Film gezeigt wird und am 10.06. Nils Jent und ich mit unserem Vortrag „Im Miteinander stark – der Weg zur Inklusion“ mit dem Publikum in Austausch kommen können.
Man kann beide Veranstaltungen auch unabhängig voneinander besuchen. Es würde uns sehr freuen, wenn der hohe Aufwand unserer Organisation mit viel Publikum belohnt würde. Also schonmal vormerken! Das Programmheft kann man kostenlos übers Internet bestellen, es lohnt sich, weil es nicht nur ausgesprochen informativ ist, sondern auch mit vielen Extras wie z. B. kleinen Texten zu den jeweiligen Themen, sowie Literaturtipps bestückt ist.

Mach was draus!


Regelmäßig ausmisten, Überflüssiges wegschaffen, das wird vor allem dann nötig, wenn sich Dinge ansammeln, die weiss Gott nicht mehr verwendbar sind, wie zum Beispiel Disketten. Oder etwa doch nicht? Ich fand ein paar farbige ohne Etikett zu schade zum Wegwerfen. Da lagen sie also auf meinem Schreibtisch, schön bunt. Ich spielte damit rum und fand raus, dass man ja in die Metallklemme der Diskette etwas anheften kann. Leider bin ich basteltechnisch nicht sehr begabt, es fehlt mir die Geduld für den Kleinkram. Kleben wird bei mir immer zum Desaster. Also verwarf ich meine erste Idee, die Disketten auf eine Sperrholzplatte zu kleben, um sie als eine Art Pinwand zu verwenden. In der Schublade fand ich aber noch einige Aktenklemmen. Wenn man diese an die Diskette klemmt und dann die Hebel wegbiegt, hat man einerseits einen Ständer für die Diskette und zweitens eine weitere Klemme um Postkarten oder Notizen zu befestigen. Als einzelne sind die Disketten zum Beispiel als Tischkartenständer zu verwenden oder Namensschilder, in eine Reihe geklemmt als "Steckboard" um Postkarten, Briefe u. a. aufzubewahren.
Alles ohne kleben, was heisst, wenn man es nicht mehr braucht, kann es wieder auseinandergenommen werden.
Man nennt sowas "upcyclen".
 

Komplimente, die keine sind

"Für dein Alter(!) siehst du aber(!) noch(!) ganz(!) gut aus!" Das sind genau vier Worte zuviel, um ein Kompliment zu sein. Au Backe! Leute, so tretet ihr garantiert ins triefende Fettnäpfchen. Gut aussehen hat absolut gar nichts mit dem Alter zu tun. Ich würde sogar einen Schritt weiter gehen: Auch echte Schönheit ist völlig vom Alter unabhängig.
Und da bin ich auch schon wieder beim Thema Haare. Ich bekomme nämlich solche "Komplimente" seit ich silberne (nein, sie sind nicht grau!) Haare habe. Es gibt Menschen, die sehen mir nicht in die Augen, die schauen immer auf meine Haare. Und manche finden, es sei "mutig", sie nicht zu färben!
Raúl Krauthausen, ein Aktivist mit einer Behinderung, schreibt in seinem Blog: "Die Behinderung wird uns unser Leben lang begleiten, also stehen wir besser zu ihr! Sie gehört zu uns, wie unsere Haarfarbe."
Ich stehe zu meiner Haarfarbe, die sich im Laufe der Jahre von tief schwarz zu Aluminiumsilber entwickelt hat und jetzt so facettenreich ist, wie meine gesamte Persönlichkeit. Mal wirke ich platinblond, mal gibt es rötliche Schimmer, goldene, ja sogar bläuliche, je nach Lichteinfluss. Doch seltsamerweise können die meisten Menschen diesen "Mehrwert" nicht sehen. Sie sehen grau und assoziieren damit ein Defizit, nämlich Alter und damit Vergänglichkeit und damit Tod und das ist eben nicht schön.
Insofern kann ich da tatsächlich eine Verbindung zu Behinderung sehen. Auch da erkennen die meisten Menschen nicht, dass viele Behinderungen auch einen "Mehrwert" haben. Behinderungen sind nur in eine Richtung gesehen ein Defizit. Wenn man sich die Mühe gibt, weitsichtiger, d.h. mehrperspektivischer (ups: eine neue Wortschöpfung!) zu sehen, dann ergibt sich der Mehrwert.
Behinderte Menschen sind deswegen nicht "trotz" Behinderung z. B. Aktivisten, sondern gerade deswegen.
So. Ich bin nicht trotz meiner Silberhaare und meines Alters gut aussehend, sondern gerade deswegen. :-) Erst neulich blieb eine Frau auf der Straße vor mir stehen, sah mich mit runden Augen an und fragte: Sind die echt? Ich war etwas irritiert, fragte: Meinen Sie meine Haarfarbe? Sie nickte. Ich nickte. Wunderschön sagte sie und ging weiter.